Predigten von Dr. Helmut Karl Ulshöfer, Pfarrer

Predigten im Weihnachts-Festkreis

Erster Advent 1988

Lukas 1, 67-79

Glaube im oder als Widerspruch

Zweiter Advent 2002

Lukas 21, 25-31

Advent: Stimmt die Stimmung?

Vierter Advent 2010

Lukas 1, 26-38

Engel und Schwangerschaft und Stummsein

Weihnachten 1978

Lukas 2, 15-20

Die Hirten stehlen dem Kind die Show

Sonntag nach Weihnachten 2010

Matthäus 2,13-23

Der heimliche Wille in der Welt

Silvester 1982

Psalm 121

Behütet

1.  Sonntag nach Neujahr 2003

Lukas 2, 41-52

Das rabiate Jesus-Kind

1. Sonntag nach Epiphanias 2011

Matthäus 14, 22-33

Der erste Aussteiger der Kirchengeschichte

1. Sonntag nach Epiphanias 1998

Römer 12,1-2

Die Wohltat des Wohlwollens

2. Sonntag nach Epiphanias 1993

2. Mose 33, 18-23

Sehen lassen gilt

2. Sonntag nach Epiphanias 1983

Markus 2,18-20

Vom Fasten und vom Festen

Letzter Sonntag nach Epiphanias 1990

2. Petrus 1, 16-20

Bis der Morgenstern aufgehe

Letzter Sonntag nach Epiphanias 1988

Offenbarung 1, 9-18

Schlüsselerlebnisse

 

Lukas 1, 67-79 - 1.Advent 1988

67 Und sein Vater Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach:68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk 69 und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David 70 – wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten –,71 dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen,72 und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund 73 und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben,74 dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde, 75 ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.76 Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest77 und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden,78 durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,79 damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Liebe Gemeinde,
bei Taufgesprächen erlebe ich es immer wieder,
dass Eltern so richtig ins Schwärmen geraten,
wenn das Thema auf ihr Baby kommt.
Was es schon alles kann, wie bezaubernd es lachen kann, und….und…und…
Selbst Väter, die sonst so nüchtern sind,
singen zuweilen eine richtige Lobeshymne auf das Kleine.
Ich empfinde das immer wieder bezaubernd, ja mitreißend.
Ein Lobgesang auf ein gerade geborenes Kind
ist unser heutiger Predigttext.
Der knuddelige Kleine, um den es darin geht,
wird später einmal bekannt werden als Johannes der Täufer.
Ist das Lied seines Vaters Zacharias ein uns allen so bekanntes,
mit verständnisvollem Lächeln begleitetes Loblied eines stolzen Vaters? Oder steckt da mehr dahinter? Zacharias singt zunächst über Gott, singt aus vollen Herzen über die Taten Gottes
an dem Volk, zu dem auch der stolze Vater
und das neugeborene Söhnchen gehören.
Gott hat Israel erlöst, Gott hat Israel von Feinden errettet,
Gott hat an Israel seine Barmherzigkeit gezeigt,
Gott hat mit Israel einen Bund geschlossen,….
Gott, Gott, immer wieder Gott….ganz steil, sehr einseitig,
absolut fasziniert, Gott, immer wieder Gott.
Im zweiten Teil singt Zacharias aber auch von seinem Sohn.
Er wird ein Prophet,
ein Wegbereiter, dieses Gottes und seines Gesandten sein.
Durch ihn werden Menschen
aus einem Schattendasein in ein helles und wärmendes Licht gerufen, durch ihn werden Menschen aus der Friedlosigkeit
auf den Weg des Friedens geraten,
durch ihn werden die Lichter für Gottes Advent angezündet.
So singt Zacharias sein Glaubenslied im Jahre 0,
 ist voller Hoffnung zur Zeit der Zeitenwende,
sieht in seinem Sohn, und in dem, dem er den Weg bereiten soll,
eine neue Wirklichkeit anbrechen.
Das war - wie gesagt – im Jahre 0, in dem Jahr,
das für uns noch heute der Beginn der neuen Zeitrechnung ist.
Aber neun Jahrzehnte später,
als das Lukas-Evangelium geschrieben wird,
als der Lobgesang des Zacharias darin seinen Platz bekommt,
da hat eine schreckliche Realität
den Glauben des Zacharias arg in Frage gestellt:
Sein Sohn ist enthauptet,
 Jesus, der Messias, wurde am Kreuz hingerichtet,
der Tempel Gottes ist zerstört
und das Volk Gottes in alle Winde verstreut.
Die Realität widerspricht dem Glauben.
Wie kommt der Verfasser des Lukas-Evangeliums dazu,
dieses Glaubenslied trotzdem in sein Werk aufzunehmen?
Wäre es nicht ehrlicher gewesen,
den Lobgesang des Zacharias als die Schwärmerei
eines erhebenden Augenblicks abzutun
und ihn in der Versenkung des Vergessens verschwinden zu lassen? Denn offensichtlich war ja: Die Realität widerspricht dem Glauben.
Ich bin sicher, Lukas hätte dem nicht widersprochen.
Kein redlich glaubender Mensch,
der mit offenen Augen und Ohren bewusst in seiner Zeit lebt,
kann sich des Eindrucks erwehren,
dass die Realität dem Glauben widerspricht.
Der Glaube lebt von der Überzeugung,
die in einem bekannten Spiritual zum Ausdruck kommt:
He´s got the whole world in his hands.
Gott hält die ganze Welt in seiner Hand.
Die Realität aber widerspricht dem:
Der Mord an dem 16 Monate alten Patrick,
die weiterhin mögliche Verklappung von Dünnsäure in der Nordsee, die Tatsache, dass es zwischen den Satten
und den Hungernden so wenig echtes Teilen gibt.

Aber der Lukas,
der den Lobgesang des Zacharias nicht hat fallen lassen,
trotz Enthauptung Johannes des Täufers,
trotz Hinrichtung Jesu,
trotz Zerstörung des Tempels,
er würde dieses Glaubenslied auch nicht streichen,
trotz des schrecklichen Mordes an Patrick,
trotz weitergehender Zerstörung von Gottes Schöpfung,
trotz der himmelschreienden Gleichgültigkeit
gegenüber Verhungernden 5000 km weit weg von uns.
Warum?
Weil er zwar sieht: Die Realität widerspricht dem Glauben,
weil er aber auch weiß: Der Glaube widerspricht der Realität. Lebendiger Glaube ist nicht nur im Widerspruch,
sondern er ist selbst wesensmäßig Widerspruch.
Was tun wir denn im Advent anderes
als mit dem Anzünden von Lichtern der Dunkelheit widersprechen? Wenn auch nur – wie heute – ein Licht brennt,
vielleicht auch heute Abend in unseren Wohnzimmern,
so ist man schon nicht mehr hilflos der Dunkelheit ausgeliefert, sondern schaut fasziniert auf das eine,
der Dunkelheit widersprechende Licht.
Und das ist ein Zeichen für das, was Glaube meint,
der der Realität widerspricht.
So ein Licht beseitigt ja nicht die Dunkelheit,
sie ist nach wie vor eine ernstzunehmende,
aber nun nicht mehr in den Bann schlagende Realität.
 Es fasziniert nun das Licht.
So auch der Glaube:
Mit ihm kommt die bedrückende Realität nicht an ihr Ende,
aber es fasziniert nun das Licht der Welt.
Daher ist der Widerspruch des Glaubens
weder verbissen noch fanatisch.
Zacharias singt diesen Glauben
und Lukas macht nach den schrecklichen Geschehnissen
kein knochenhartes 11-Punkte-Revolutions-Programm daraus,
sondern behält die Form des Liedes bei.
Das bedeutet für mich,
dass der Widerspruch des Glaubens eine fröhliche Sache ist.
Fröhlich, weil er sich speist aus der Faszination des Lichtes
und nicht aus dem Gebannt sein von der Dunkelheit.
 Jugendliche heute würden das vielleicht so sagen:
Glaube als Widerspruch ist echt cool.
Warum kann solcher Glaube so cool, so gelassen sein?
Weil er nicht sich selbst überfordernd
von sich das Heil der Welt erwartet,
sondern von dem, den wir Heiland nennen.
Johannes war nicht der Messias, sondern sein WEGBEREITER.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger ist unsere Berufung.
Daher kann auch cooler, gelassener Glaube
nicht zu quietistischer Innerlichkeit verkommen.
Er bleibt Glaube als Widerspruch zur Realität.
Johannes ist nicht im Altersheim, und Jesus ist nicht im Bett gestorben, eben weil sie widersprachen.
Das Wegbereiterthema des Johannes
ist dem Propheten Jesaja entnommen:
Macht eine ebene Bahn unserm Gott. Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden.
Ich deute das so:
Wegbereiter des Herrn widersprechen
mit Wort und Tat der scheinbar so fest gefügten Ordnung,
dass manche Menschen unten sind und unten bleiben sollen,
und sie widersprechen mit Wort und Tat,
dass andere oben sind,
und – koste es, was es wolle – oben bleiben wollen.
Wegbereiter des Herrn sind aufgerufen, Wege zu suchen,
denen da oben zu sagen, dass sie nicht einverstanden sind,
dass die Nordsee noch bis 1990 vergiftet wird.
Das kann jetzt gestoppt werden.
Wegbereiter des Herrn sind aufgerufen, heute zu teilen,
mit denen, die weder Milch noch Medizin haben.
Was bringt´s? fragen manche.
Aber was es bringt, ist Gottes Sache.
Dass wir es tun, ist die unsere.
So ist Adventsglaube aktiv im Widerspruch,
aber cool und gelassen in der Haltung.
Herr, richte unsere Füße auf den Weg eines solchen Friedens. AMEN.

 

2. Advent 2002 - Lukas 21,25-31

25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen,
und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden
verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge,
die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen
in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen,
dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:
30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es,
so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist.
31 So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht,
so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

 

Liebe Gemeinde,
richtiggehend entsetzt war ich, als ich entdeckte,
dass ich über diesen Text aus dem Lukasevangelium
 heute predigen soll.
Da kommt doch vorwiegend  Weltuntergangsstimmung rüber,
wir aber suchen in diesen Tagen Adventsstimmung, oder nicht?
Vergehende Elemente, Erschütterungen an Himmel und Erde,
Endzeit, nicht Adventszeit, das passt doch wie die Faust aufs Auge?!
Aber in den Jahren meines Pfarrerseins hab ich eines gelernt:
Wo meine erste Reaktion auf einen biblischen Text
besonders negativ war,
da taten sich fast immer besonders befreiende Wahrheiten auf.
Also blieb ich dran, suchte keinen andern Text,
holte auch keine alte Predigt heraus,
sondern hoffte wieder auf befreiende Wahrheiten.
Und das kam bei dem Nachdenken, dem Warten und Hoffen raus:
Verlässliche Zeichen für Advent, für Gottes Kommen in unsere Welt
sind Erschütterungen, ja Zerstörungen,
und oft wird erst durch sie Erlösung, Loslösung möglich.
Das Vergehen von Altem, Starrem und Todgeweihtem
kündigt  Jesu Kommen und unsere Erlösung an.
Das Zittern und Zagen von Menschen
kann ausgelöst werden durch das nahende Reich Gottes,
Gottes gute Herrschaft.
Jetzt nur nicht abschalten, liebe Gemeinde,
denn darin steckt echter, tiefgehender nicht-illusionärer Trost:
Du, nicht alles, was dich schreckt ist schrecklich.
Du, nicht jedes Vergehen bedeutet Verlust.
Du, hab keine Angst vor der Angst.
Hell und klar ragt aus dem Dunkel der Chaosbeschreibung:
„WENN ABER DIESES ANFÄNGT ZU GESCHEHEN,
DANN SEHT AUF UND ERHEBT EURE HÄUPTER,
WEIL SICH EURE ERLÖSUNG NAHT! (Vers 28)
Urzeit (ohne H) ist gleich Endzeit,
sagte mal ein berühmter Professor fürs Alte Testament,
Anfang und Ende unserer Welt seien sich ähnlich.
Zum Beispiel der Sieg über das Tohuwabohu, das Chaos.
Es sieht so aus, als sei das auch mit dem Kommen Jesu so:
Sein endgültiges Kommen löst Erschütterungen aus wie sein erstes.
Stellen Sie sich nur den Oberzöllner Zachäus vor,
wie dessen Leben durcheinandergewirbelt wurde durch Jesu Besuch:
Er gibt Ergaunertes zurück – und das vierfach!
Und die Pharisäer: Sie sind erschüttert, dass dieser Jesus
mit einem sogenannten Sünder zu Abend isst, ohne Strafpredigt.
Und der Zerbruch des Petrus, der vorher schon meinte,
ein Fels zu sein, es aber erst durch Jesus wurde.
Und der Lahme, der 38 Jahre lang  am Teich Bethesda
ein (Aber)Glaubenswunder erhoffte – oder seine Kritiker.
Ändert euren Sinn, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen
Manche wurde heil – andere verstockten sich, erschütternd!

Da ist es eigentlich nicht erstaunlich,
wenn auch das Wiederkommen Christi ähnliche Zeichen hat:
Erschütterungen, Umwälzungen, Zerbruchsängste.
Aber all das nicht als Endstadium, nein,
sondern als Geburtswehen einer neuen Welt mit neuen Menschen!
Und immer wieder stehen Menschen unter dem Eindruck:
Da will jetzt schon manches Neue durchbrechen
und Altes, Gottes neuer Welt im Weg stehendes,
muss schmerzvoll und Angst machend zerbröseln.
Und vielleicht gilt für jede, auch unsere Generation:
„Wahrlich, ich sage euch:
Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht“ (v.33)
Advent, Gottes Kommen, damit alles und alle heil werden.
Deshalb das Leuchtzeichen:
WENN ABER DIESES ANFÄNGT ZU GESCHEHEN,
DANN SEHT AUF UND ERHEBT EURE HÄUPTER,
WEIL SICH EURE ERLÖSUNG NAHT! (Vers 28)

Ich erzähle Ihnen jetzt eine frei erfundene Adventsgeschichte,
frei erfunden, Ähnlichkeiten mit hiesigen Personen sind rein zufällig,
aber wahr in dem Sinne, dass sie befreiend erzählt,
was passiert, wenn man Advent als Jesu und seines Reiches Kommen erlebt.

„Mama, das war heute mal ein geiler Konfirmandenunterricht!“
Und Mama versteht die Welt nicht mehr,
denn Christian kommt mittwochs in der Regel
anders gestimmt nach Hause:
Ätzend langweilig, so was von daneben und verbohrt...
so erleidet er sonst des Pfarrers Bemühungen.
Heute aber höchstes  Lob: Geil war‘s!
Und Mama freut sich, denn sie ist Kirchengemeinderätin,
ist in der Kirche zuhause und wäre froh,
wenn auch der Sohnemann etwas von dem mitbekäme,
worum es kirchens so geht.

„Ja, was war denn so .... geil?“

„Die Vikarin hat den Pfarrer vertreten
und wir haben Kirchengemeinderats-Sitzung gespielt“
Und es sprudelt nur so aus ihm raus:
In einer großen Stadt wäre im Lauf von ein paar Jahren
ein Stadtteil entstanden mit 2.500 Evangelischen.
Die hätten jetzt von der Kirchenleitung 500.000 EURO bekommen,
damit sie für ihre Gemeinde eine Heimat schaffen könnten.
Und die so liberale Kirchenleitung habe denen freigestellt,
WIE sie das Geld nutzten:
Und Christian erzählt seiner Mutter,
die Konfirmanden hätten spielen dürfen,
wie es in dieser Sitzung zuging,
in der die Verwendung der halben Million beschlossen werden sollte.
Die Vikarin habe vorgegeben, es gäbe vier Ideen dort in Neustadt:
Frau Treffdich wäre für ein Gemeindezentrum
Herr Bleibtreu für eine schöne Kirche
Herr Jugendlich für ein tolles Jugendzentrum
(weil doch der Jugend die Zukunft gehört)
und Frau Hilfreich war radikal dafür,
die halbe Million für notleidende Menschen
in der 3. Welt zu spenden
und mit gemieteten Räumen auszukommen
und das aus Privatspenden zu finanzieren

Christian ist jetzt noch ganz aus dem Häuschen:
„Und die Sitzung haben wir gespielt, das war heiß. Da ging’s zu!
Stell dir vor, Mama, die meisten waren dafür, mit den 500.000.- Euro
ein Jugendzentrum zu bauen“
„Und du?“ fragt ihn die Mutter. „Ich fand das Gemeindezentrum am sinnvollsten!
Nur Jugendzentrum ist ein wenig zu egoistisch“
Und Mama ist stolz auf ihren Christian,
 denn so hätte sie auch entschieden.

„Und dann hat sie uns reingelegt, die Vikarin.
 Zum Schluss fragte sie:
Und wenn ihr euch mit viel Phantasie vorstellt,
JESUS wäre bei dieser Sitzung gewesen.
Wofür hätte der sich denn wohl stark gemacht?
Ha, dess iss doch klar, meinten alle, wirklich alle,
der hätte die Frau Hilfreich unterstützt,
Warum, bohrte die Vikarin nach.
Ratlosigkeit – bis Christine meinte:
Da hatten wir doch vor eine paar Wochen diese Story
mit den Schafen und den Böcken.
Hat da Jesus nicht so was gesagt wie:
„Was ihr den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“
oder so ähnlich?!

Fast hätte ich gesagt „Und wie’s der Teufel will“
glaube aber eher, dass dessen Gegenspieler dahintersteckte,
musste Christians Mutter an diesem Abend
zu einer Sitzung des KGR,
allerdings einer echten, keiner gespielten.
Hauptpunkt der Tagesordnung:
Anschaffung von 100 Einzelkelchen à EURO 20.-
Wegen der Hygiene die Einzelkelche
wegen der Ästhetik keine, die an Schnapsgläschen erinnern,
deswegen der stolze Einzelpreis.
„Mit Schnapsgläsli, do kummt ko feierlichi Stimmung uff“
meint Kirchengemeinderat B.
Christians Mutter aber piepst zaghaft:
„Aber wenn wir eifrig suchen, auch im Internet,
da finden wir vielleicht Gläser, die nicht schnapsig aussehen,
aber nur 5 EURO kosten, und die gesparten EURO 15.- pro Glas,
zusammen also EURO 1500.- könnten wir der „Brot-für-die-Welt“-Sammlung zuschlagen.
Ich hab gehört,
mit 3 Euro könnte ein Kind in Indien eine Woche lang leben.“
Das hätte sie nicht sagen dürfen, die Adventsstimmung war beim T...
„Das ist unser Geld, davon können wir uns auch was Gescheites und vor allem Würdiges leisten“
war der Tenor der Mehrheit.

Wie kann eine sonst so scheue und zurückhaltende Frau
wie Christians Mutter aber auch so stur sein:
Sie hakt nach, gibt nicht nach:
„Was wäre denn wohl dem Jesus wichtiger,
die superwürdigen Einzelkelche oder „Brot für die Welt“?
Wir sind doch SEINE Gemeinde,
da muss die Frage doch erlaubt sein.
Betroffenheit, Unsicherheit, auch Zähneknirschen,
Rechthaberei, Nachdenklichkeit
ALLES ist jetzt möglich.
Von typischer Adventsstimmung kann aber keine Rede mehr sein.

Und wie ging’s weiter???
Keine Ahnung!
Man munkelt, der Pfarrer habe Lied Nr. 14 in unserm Gesangbuch singen lassen,
um die Adventsstimmung zu retten.
Vielleicht hat die Stimmung aber eh nicht gestimmt,
war gar nicht der Rettung wert, wer weiß das schon.
Auf jeden Fall hätten ein paar Leute beim Singen von Vers 5 das Gesicht verzogen, sagt man:
„O Herr von großer Huld und Treue,
o komme du auch jetzt aufs neue
zu uns, die wir sind schwer verstört.
Not ist es, dass du selbst hienieden
kommst, zu erneuern deinen Frieden
dagegen sich die Welt empört.“
Ob die ihr Gesicht verzogen zu einem Lächeln oder vor Schmerz,
wer weiß das schon.
Eins aber wissen wir:
Wenn Jesus auf uns zu kommt,
wollen wir Schritte auf ihn zu
und nicht von ihm weg tun.
Dann wird‘s ein Advent, der den Namen verdient
WENN ABER DIESES ANFÄNGT ZU GESCHEHEN,
DANN SEHT AUF UND ERHEBT EURE HÄUPTER,
WEIL SICH EURE ERLÖSUNG NAHT! (Vers 28)
Und nun lasst auch uns Lied 14 singen
und in Abänderung des Liedanschlags
lasst uns alle 6 Strophen singen,
als Adventsbekenntnis,
als Adventssehnsucht,
als Adventsbitte!
Amen

 

4. Advent 2010 - Lukas 1,26-38

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, 27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. 28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? 30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. 31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. 32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, 33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? 35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. 36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. 37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. 38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Willkommen in Gottes buchstäblich wunder-voller Welt!
Advent Gottes – und schon wird alles anders!
Gottes Engel spricht – eine Frau hört – der Höchste kommt.
Lassen Sie mich heute Morgen eine Geschichte erzählen,
die uns in diese Welt voller Wunder hineinnimmt.

Wer auch nur einen winzigen Strahl aus Gottes wunder-voller Welt abbekommt, der wird zuallererst und zutiefst – Erschrecken!
Wo immer und wann immer Gottes Welt in die unsere hereinbricht,
von Adam und Eva, über Abraham bis zu den Hirten auf dem Feld:
Da ist immer Erschrecken als erste Reaktion bei den Menschen!
Erschrecken – das Prüfzeichen, ob ein Engel wirklich von Gott
oder nur frommes Wunschdenken ist.
So auch bei Maria: Sie erschrickt
In Gottes wunder-voller Welt ist Erschrecken nicht schrecklich.
Durch das Erschrecken öffnet Maria sich für Neues,
durch das Erschrecken wird sie bereit zu hören,
alle Störsignale verstummen, alle Betriebsamkeit fällt von ihr ab,
sie kann hören,  – um zu gehorchen!
Gehorchen – welch schreckliches Wort,
wenn es sich auf Menschen bezieht – und auf ihre Willkür.
Gehorchen – welch ein Segen,
wenn es um Gott und seinen guten Willen geht.
Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.
Auftrag erfüllt, der Engel geht, er ist kein Dauergast,
er kann auch gehen, denn sein Wort bleibt,
weil es Gottes Wort ist.
Und dieses göttliche Wort spricht von Zukunft, von Ankunft, von Advent
30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria,
du hast Gnade bei Gott gefunden.
31 Siehe du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären,
und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden;
und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Eine uralte Erwartung soll auf unerwartete Weise wahr werden:
Seit vielen Jahrhunderten warten die Glaubenden in Israel -
auf den Messias, den Sohn Davids, den Erlöser.
Je düsterer die aktuelle Lage, desto heller die Hoffnung.
Je länger die Erfüllung sich verzögert, desto tiefer die Sehnsucht.
Je mehr Unrecht und Willkür sich ausbreiten,
desto stärker der Durst nach Gerechtigkeit.
Israel lebte in einer Art Dauer-Advent,
in einer Intensität die unser Advent nicht kennt.
Gott hat IHN versprochen, seine Verheißung gilt.
Jes.9,5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.
Diese alte Verheißung wartet auf ihre Erfüllung,
Israel wartet und sehnt sich danach, und mit ihr natürlich Maria.
Als sie die Worte des Engels hört,
weiß sie schon bei den ersten Silben, was der Engel Großes verspricht,
so wie wir schon bei den ersten Tönen unserer Lieblingsmusik
ihre ganze Schönheit und Macht in uns spüren.
Maria kennt diese wunderbare Melodie der Verheißung.
Das WAS der Erwartung ist ihr so vertraut,
aber das WIE trifft sie mit großer Wucht, das WIE ist völlig unerwartet.
Sie selbst, Maria, das Mädchen aus dem Norden,
dem weithin in den vornehmen Kreisen verachteten Norden,
aus dem Kaff Nazareth,
von dem wenig später Nathanael das allgemeine Urteil aussprechen wird:
Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen (Joh. 1,46)
sie selbst, die Maria,
die scheinbar keine Qualifikationen aufzuweisen hat,
sie darf dazu beitragen, dass die Verheißung sich erfüllt,
30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria,
du hast Gnade bei Gott gefunden.
Eine intensive und uralte Erwartung wird wahr – auf unerwartete Weise
und eine der Geringsten, aus niedrigem Milieu, wird Mutter des Höchsten
Ja, so geht’s zu in Gottes wunder-voller Welt.

Und nebenbei, so geht’s auch weiter,
denn der Höchste nennt später die Geringsten seine Brüder
und bekennt: Was ihr für die tut, das tut ihr für mich.
Und wunder-voll – voller Wunder geht es weiter:
34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?
35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.
Aus dem Wunder der Jungfrauengeburt
haben Menschen eine Wunderwaffe gemacht:
Die einen fragen: Was, dess glaabschd du no?
die andern: Was, des glaabschd du nedd?
und beide meinen,
den andern als rückständig bzw. ungläubig entlarvt zu haben.
Dabei haben sie sich beide selbst entlarvt
als vom Wunder Gottes und seines Sohnes meilenweit Entfernte,
meilenweit entfernt durch Rechthaberei und Richtgeist.
Das ist nicht, wozu uns der Engel durch seine Botschaft einlädt.
Ob jemand die Jungfrauengeburt
biologisch oder metaphorisch versteht
ist völlig unerheblich, solange man sich dem Geheimnis um Jesus
in Ehrfurcht nähert und ihm als dem Sohn des Höchsten vertraut.
Dann geschieht das Wunder: Der Name Jesu wird Programm.
Jesus, der Name den Maria ihrem Kind geben soll, heißt:
Der Herr errettet. Oh ja, bitte, und fang bei mir an!
du sollst ihm den Namen Jesus geben.
32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden;
und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
Welche Erwartungen mögen bei Maria
mit diesen Worten geweckt worden sein?
Ihr Sohn,
der starke Befreier vom Joch der römischen Besatzungsmacht?
Ihr Sohn, das Zentrum in einem luxuriösen Hofstaat?
Und sie selbst, die von allen verehrte Königsmutter?
War sie enttäuscht, als ihr Sohn im Futtertrog geboren
und am Kreuz hingerichtet wurde.
Hat sie danach gedacht:
Da hat der Engel aber den Engelsmund arg voll genommen?
Die Evangelien vermitteln nichts von Enttäuschung.
Sie war eine der wenigen die ihm bis unters Kreuz gefolgt ist.
Sie hat ihn zuweilen missverstanden,
war gewiss traurig unter dem Kreuz
aber charakteristisch für sie eine Szene aus „Der Hochzeit zu Kana“
Joh.2,3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
4 Jesus spricht zu ihr: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.
Hier zeigt sich, dass Jesus auch für Maria nicht nur Sohn,
sondern vor allem der göttliche HERR war.
Was er euch sagt, das tut.
Wir haben uns gefragt :Welche Erwartungen mögen bei Maria
durch die Engelsworte geweckt worden sein?
Wir müssen uns selbst fragen:
Welche Erwartungen wecken sie bei uns,
bei uns, die wir auf Jesu irdisches Leben zurückblicken können,
bei uns, die an sein Wiederkommen glauben?
Wecken Sie fiebrige Erwartung,
wie bei kleinen Kindern vor Weihnachten?
Sehnsucht nach Gerechtigkeit?
EKG 7 4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.
5. O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.
Man mag den Eindruck gewinnen, dass in Gottes wunder-voller Welt
am laufenden Band die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden.
Dass dem nicht so ist, vermittelt auch der Rahmen
in den unsere Geschichte von Maria und dem Engel eingebettet ist.
Zweimal wird auf diesen Rahmen verwiesen:
Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth,
und
36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.
Der Rahmen verweist und die wunder-volle Geschichte
von Elisabeth und Zacharias.
Zacharias, aus priesterlichem Geschlecht, tut Dienst im Tempel,
da erscheint ihm ein Engel, auch Zacharias erschrickt, wie Maria.
Auch ihm wird das Fürchte dich nicht zugesprochen.
12 Und als Zacharias ihn sah, erschrak er, und es kam Furcht über ihn.
13 Aber der Engel sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Johannes geben.
14 Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen.
15 Denn er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist.
16 Und er wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren.
17 Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist.
Zacharias fällt es schwer, all das zu glauben, er bittet um ein Zeichen.
Das bekommt er,
aber in Gottes wundervoller Welt läuft manches anders als erwartet:
Der Engel macht ihn stumm – seltsames Zeichen!
Und tatsächlich wird die betagte Elisabeth schwanger
aber sie handelt unüblich:
Sie schüttet ihr übervolles Herz nicht stundenlang
bei ihren Freundinnen aus,
sondern hielt sich fünf Monate verborgen und sprach:
25 So hat der Herr an mir getan in den Tagen, als er mich angesehen hat, um meine Schmach unter den Menschen von mir zu nehmen.
Offenbar verhalten Menschen
in Gottes wunder-voller Welt sich anders.
Was aber zentral ist in der Elisabeth/Zacharias-Geschichte:
Gott zaubert nicht am laufenden Band
wunderbare Dinge quasi aus seinem Hut,
sondern er gibt verlässliche Strukturen,
man kann sich darauf einstellen:
Jesus bekommt seinen Wegbereiter und in seiner Botschaft und in seinem Lebensstil stimmt er die Menschen auf Jesus ein.
Die frohe Botschaft beider ist ernst,
sie suchen die Stille
verbringen viel Zeit in der Wüste,
beide sterben einen gewaltsamen Tod.
Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben!
5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden.
6 Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.

             

Weihnachtspredigt 1978

Luk. 2, 15-20

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Liebe Gemeinde,
in 20 Versen berichtet uns Lukas die eigentliche Weihnachtsgeschichte. Ich brauche 45 Sekunden, um diese Geschichte zu lesen;
zum Vorlesen der 20 Verse brauche ich 2 Minuten und 10 Sekunden. Die Weihnachtsgeschichte
ist uns also in äußerst knapper Form überkommen.
Die anderen Evangelisten berichten noch wesentlich kürzer.
Liegt in der Kürze die Würze? Ganz sicher.
Aber, so möchte ich den Lukas fragen,
wenn du schon so knapp berichtest,
warum widmest du dann nicht alle diese 20 Verse,
alle 45 Sekunden, die ganzen 2 Minuten
der Hauptperson dieses Geschehens, nämlich dem Kind der Krippe? Mir ist dieses Jahr zum ersten Mal aufgefallen,
dass von den 20 Versen
13 von den Hirten und deren Erlebnissen berichten.
Stehlen die Hirten nun dem Kind die Show?
Was bezweckt Lukas mit dieser eigenwilligen Akzentverschiebung?
 
Wenn 2/3 der Weihnachtsgeschichte von Personen handeln,
die in jeder anderen Erzählung ähnlicher Art
sonst nur Statisten gewesen wären,
dann muss das doch irgendeinen Sinn haben!
Solche Fragen haben mich in den letzten Tagen
 in der Predigtvorbereitung umgetrieben.
Liebe Gemeinde,
erlauben Sie mir in der heutigen Predigt einfach einmal laut zu denken. Wer Lust hat, darf mitdenken!
Es darf sich auch jeder seine eigenen Gedanken mache.
Warum also 13 von 20 Versen für die Hirten?
Gedulden Sie sich noch ein wenig –
die Antwort kann nicht gleich jetzt am Anfang stehen;
schauen wir uns zunächst einmal an, was sie erlebten.
Rabenschwarze Nacht, bittere Kälte und eine unergründliche Angst, das war ihre Situation in jener ereignisreichen Nacht.
Dunkelheit und Kälte,
das ist ganz normal in einer Nacht im Vorderen Orient.
Aber die Angst – warum die Angst?
Komischerweise fängt bei den Hirten die Angst an, als es hell wird. Doch hat die Helligkeit nichts mit einem nahenden Morgen zu tun. Nein, wir hören:
….und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr.“ Das hereinbrechende Licht der Ewigkeit
verursacht Angst und Furcht bei ihnen
(übrigens wäre es in diesem Fall müßig, zwischen Angst und Furcht zu unterscheiden).
Angst vor dem Licht,
eine Angst, die die Hirten in der Dunkelheit nicht kannten.
Die Nacht deckt manches zu. Die Dunkelheit lässt vieles im Unklaren. Wie scheinbar wohltuend ist doch die Dunkelheit in unserem Leben, die Dunkelheit, die uns über unsere eigene Natur hinwegtäuscht.
In der Dunkelheit lassen sich Illusionen pflegen:
Ich bin doch noch um einiges besser
als die Menschen um mich herum.
Nur in der Dunkelheit kann diese Selbsttäuschung gedeihen;
sie ist ein typisches Nachtschattengewächs.
Der gleichen geistig-biologischen Gattung
gehört auch die folgende Einstellung an:
Mit mir kann Gott wahrhaft zufrieden sein.
Wer viele dieser Nachtschattengewächse in sich hegt und pflegt,
wird bald selbst eins.
Und dann kommen Advent und Weihnacht,
die Tage der ungezählten Lichter.
Natürlich sind es nur Kerzen und Lichterketten,
nicht die Klarheit des Herrn und die Engel, wie bei den Hirten.
Und trotzdem fühlen sich die menschlichen Nachtschattengewächse
 in dieser Zeit besonders unwohl.
Da kämpft man mit unguten Stimmungen und Gefühlen.
Oberflächlich lassen sich die zwar erklären:
Vorweihnachtliche Hektik und daraus wachsender Stress.
Spannung zwischen guten Kindheitserinnerungen
und weniger schönen Erfahrungen in der Gegenwart.
Aber ist das alles?
Sind das wirklich die einzigen Ursachen
für das besonders intensiv empfundene Elendsgefühl
bei so vielen Menschen in diesen vorweihnachtlichen Tagen?
Oder sollten die Lichter von Advent und Weihnachten
ganz unbewusst für uns Symbole und Zeichen
für die Klarheit des Herrn, das Licht aus der Ewigkeit sein?
Unmöglich ist das nicht.
Denn in den zehn, zwanzig, dreißig oder siebzig Lichtermonaten,
die wir je nach Lebensalter schon erlebten,
da hat man ja - ob man wollte oder nicht –
schon viel von dem eigentlichen Licht der Welt gehört.
Aber ist man je einmal bewusst
und mit Glaubensmut in diesen Lichterkreis getreten?
Wer hat sich Christus und seiner Botschaft gestellt?
So ist es kein Wunder,
 wenn die Lichter von Advent und Weihnachten
die Schatten unserer Seele nur noch vertiefen.
Was macht man nun mit der Angst,
die im Weihnachtslicht besonders mächtig wird?
Aus der Tierwelt kennen wir zwei Reaktionen: Totstellen oder fliehen! Beobachten wir diese zwei Scheinwege aus der Angst
auch nicht gerade zur Weihnachtszeit beim Menschen?
Totstellen:
Da steigt plötzlich die Selbstmordrate,
da wird das Lichterfest mit aller Gewalt ignoriert,
da verharrt man bewegungslos.
Flucht:
In den Konsum, in die Sentimentalität,
in den Rausch, in die Beruhigungsmittel.
 „Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr.“ Die Hirten sind mir auf einmal gar nicht mehr so fremd.
Sicher sahen sie anders aus und waren anders gekleidet, wahrscheinlich rochen sie auch anders.
Aber der Lichtstrahl aus der Ewigkeit stürzt sie in die Angst.
Das kenne ich, und Sie wahrscheinlich auch.
Doch wie geht es nun weiter?
Die Hirten hören nun eine Predigt der Boten Gottes.
Es ist keine Strafpredigt.
Die Predigt der Engel verheißt Heil, Heilung, Freude und Frieden.
Die Hirten dürfen spüren:
Das Weihnachtslicht ist kein kaltes, unbarmherziges Licht;
es ist nicht den Neonröhren unserer Zeit gleich,
sondern dem warmen Licht der Kerze.
Es ist ein werbendes Licht. Es ist klein und unscheinbar.
Aber es ist fähig, in uns die Fragen und Sehnsüchte zu wecken,
auf die es wirklich ankommt:
Fragen und Sehnsüchte, die den Menschen vom Tier unterscheiden. Wo gibt es in dieser Welt etwas oder jemanden,
der es gut mit mir meint, auf den ich mich verlassen kann.
Gibt es jemanden, der mir Liebe ohne Vorleistung entgegenbringt. Denn wie soll ich lieben, ohne geliebt zu sein?
Gibt es jemanden, der treu bleibt, auch wenn ich untreu werde?
Wo finde ich Sinn und Erfüllung in meinem Leben?
Das Licht aus der Ewigkeit,
das Weihnachtslicht weckt solche Fragen und Sehnsüchte.
Auch heute gibt es Boten Gottes,
deren Verkündigung Lichtschimmer in die Welt bringt.
Auch unter ihrer Verkündigung
werden solche Fragen und Sehnsüchte wach,
wenn der lebendige Gott erleuchtet.
Aber wie bei den Engeln und den Hirten
weicht unter der Heilsverkündigung
nicht automatisch die Angst der Freude.
Die Engel fuhren von ihnen gen Himmel.“
Auch die heutigen Boten Gottes verschwinden wieder. Und dann?
Was geschieht dann?
Dann kann es sein, dass man mit seinen Fragen und Sehnsüchten,
die immer noch von der Angst überschattet sind, sitzen bleibt?
 Man meint ein geistliches Erlebnis gehabt zu haben –
aber die Weihnachtsfreude kehrt nicht ein.
„Die Engel fuhren von ihnen gen Himmel“
Gott sei Dank fuhren sie gen Himmel,
sonst wären die Hirten in ihrem Licht geblieben
ohne den Ursprung des Lichts zu finden.
Der Appetit war geweckt – die Hirten sprachen zueinander:
Lasst uns nun gehen – Und sie gingen und sie fanden.
Und sie fanden die Wohnung Gottes.
Sie machten die Entdeckung ihres Lebens.
Ein kleines Kind in einem Futtertrog.
Maria und Josef, einfache Leute, wie sie selbst.
Allerhand Tiere – welche Entdeckung für die tierliebenden Hirten.
Da roch es – so wie sie rochen.
Da waren Gesichter – wie ihre eigenen Spiegelbilder.
Sie fühlten sich wie zu Hause.
Und das war die neue Wohnung Gottes
in vertrauten Gerüchen und bekannten Gesichtern.
Und die Melodie des Tages war nicht:
Schwing dich auf zu deinem Gott, sondern:
Das Wort ward Fleisch und wohnte mitten unter uns.
Und jetzt brauchen die Hirten keine langen Predigten und Erklärungen mehr.
Sie spüren, sie fühlen,
sie sehen und sie riechen das Entgegenkommen Gottes.
Und es wird ihnen so unbeschreiblich wohl ums Herz.
Da ist keine nagende Angst mehr, sondern Geborgenheit,
sie sind ja zu Hause und doch in der Wohnung Gottes.
Oder umgekehrt: Sie sind in der Wohnung Gottes,
aber sie fühlen sich nicht fremd.
Im Vertrauten ist Geborgenheit, und ins Vertraute geht Gott ein. Während ich das schreibe (und jetzt sage)
wird mir selbst so unerklärlich wohl.
Ich brauche mich nicht mehr zu fragen,
warum die Hirten in der Weihnachtsgeschichte so wichtig sind.
Ich habe entdeckt, dass auch ich zu den Hirten gehöre
und dass auch ich damit Gott wichtig bin.
So wichtig, dass er mir auf meiner Ebene entgegenkommt.
Nachher kann ich in meine Wohnung gehen,
wissend es ist Gottes Wohnung.
Und Sie gehen in Ihre Wohnungen,
in Buchen oder Hainstadt, in Hettingen oder Hettigenbeuern,
und sie treten in Gottes Wohnung ein.
Ob sie in der Hettinger oder der Hollerbacher Straße wohnen,
 ist ganz egal, ob Am Großen oder Kleinen Roth
oder sonst einer Straße wohnen:
Gehen Sie getrost, denn dort ist Gottes Wohnung.
Amen

 

Sonntag n. Weihnachten 2010 - Matthäus. 2, 13-23

13 Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir's sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. 14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten 15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«16 Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. 17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15): 18 »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen. 19 Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum in Ägypten 20 und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben. 21 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel. 22 Als er aber hörte, dass Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und im Traum empfing er Befehl von Gott und zog ins galiläische Land 23 und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heißen.

 

Rudolf Bösinger, badischer Pfarrer, Autor, Rundfunkbeauftragter,
hat in den 60er Jahren über diesen Bibeltext gepredigt.
Er gab der Predigt das Thema :
Das Geheimnis der Weltgeschichte
Er gliederte seine Predigt in zwei Teile:

  • Der heimliche Wille in der Welt
  • Der unheimliche Wille in der Welt.

Das hat mich fasziniert.
Deshalb möchte ich meine Predigt daran orientieren
Der unheimliche Wille in der Welt:
Er wird im heutigen Predigttext verkörpert durch Herodes. Herodes, der kaltblütig den Mord von Kindern plant,
weil eines davon seinen Machtgelüsten im Wege stehen könnte. Herodes, der Kinderkiller.
Manche meinen,
das mit dem Kindermord zu Bethlehem,
das könnte den historischen Tatsachen gar nicht entsprechen. Aber warum eigentlich nicht:
Herodes ließ sogar drei eigene Söhne umbringen,
weil sie seiner Meinung nach,
es auf seinen Thron abgesehen hatten.
Der unheimliche Wille in der Welt:
Herodes, der unheimliche, machtbesessene Killer.
Ganz schnell fallen uns Parallelen neuerer Zeit ein –
Weil es so viele sind, kann ich auf Beispiele verzichten.
So wie Herodes ein Symbol für Machtbesessenheit ist,
so sind auch die Kinder ein Symbol
für das Kleine, das Schutzlose, das Wehrlose –
und töten, das kann man ja auch mit Worten,
mit Verdächtigungen, mit Mobben, mit der kalten Schulter.
Deshalb ist es unmöglich, den unheimlichen Willen in der Welt nur mit den Fingern auf andere zeigend abzuhandeln.
Ist da nicht auch der unheimliche Wille in unserer kleinen Welt, in der Welt, für die wir verantwortlich sind?
Wie unheimlich, wenn wir denen zu Willen sind,
die am lautesten schreien, die uns materielle Vorteile versprechen,die uns Anteil an ihrer Macht zusagen.
Wie unheimlich, aber auch
wenn wir anderen unseren Willen aufzwingen,
in dem wir die stärkere Position, das stärkere Geschlecht (heute ist absolut unsicher, welches von beiden das ist), oder die besseren Beziehungen spielen zu lassen, um sich auf Gedeih (sprich: eigenes Gedeih) oder Verderben (sprich: der anderen Verderb) durchzusetzen.
Der unheimliche Wille in der Welt, so unheimlich,
weil wir so leicht den Herodessen zu Willen sind,
so unheimlich aber vor allem auch, weil wir selbst dazu neigen,
in den kleinen Königreichen unserer Verantwortungsbereiche, selbst Mini-Herodesse zu sein.
Der unheimliche Wille in der Welt: wie unheimlich,
weil es so unmöglich scheint, diesen Willen zu brechen –
in uns und um uns herum!
Aber nicht nur diesen Bußspiegel hält uns der Predigttext vor. Gleich einem Spiegel an einer Kreuzung lenkt er unsere Blicke auch noch in eine andere Richtung:
Da ist auch noch der heimliche Wille Gottes für die Welt.
Nun kann es gut sein,
dass bei einigen unter uns die inneren Rollläden runtergehen.
Es wäre gut zu verstehen, wenn nun einige empört reagierten, etwa so: Hört mir auf, vom heimlichen Willen Gottes zu reden. Gottes Wille ist doch gerade in dieser Geschichte vom Kindermord auch recht unheimlich!
Für seinen eigenen Sohn leitet er eine große Rettungsaktion ein,
aber die vielen anderen Kinder sind rettungslos ausgeliefert
an Herodes, sind unschuldige Opfer – und zwar wegen Jesus, wegen Gottes Sohn.
Diese Reaktion hat der Text zunächst in mir selbst ausgelöst und darum kann ich sie auch bei anderen gut verstehen.
Aber dann kamen mir zwei Gedanken,
die mich den anklagenden Zeigefinger in Richtung Gott
wieder zurückziehen ließen.
Zum ersten:
Gott hat ja seinen Sohn hier zu diesem Zeitpunkt nicht gerettet, um ihn vor dem Elend der Welt, dem Leiden, dem Umheimlichen, dem Sterben zu bewahren –
auf ihn hat ja wahrlich noch Unheimlicheres gewartet.
Also war die Rettungsaktion der Flucht nach Ägypten kein bevorzugendes, aussonderndes Bewahren,
das Jesus es ermöglicht hätte, sich vor dem Elend der Welt zu drücken.
Eher umgekehrt: Jetzt musste er sich bewusst, auch als Erwachsener dem Leiden stellen, bis zum Schrei am Kreuz:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“.
Und ein zweites ließ mich meinen anklagenden Finger auf Gott hin zurücknehmen:
Wenn ich den Herodessen meiner Zeit zuweilen so unheimlich zu Willen bin, ist es dann nicht unheimlich anmaßend,
Gott zur Verantwortung zu ziehen?
Ist er schuld, wenn Kinder in Äthiopien verhungern, weil wir großzügigere Hilfe verweigern, wo genug für alle da ist?
Und wenn ich selbst manchmal ein kompromissloser Mini-Herodes bin in meinem kleinen Machtbereich,
ist es dann nicht unheimlich verlogen,
wenn ich Gott das Elend der Schwächeren und der Wehrlosen in die Schuhe zu schieben suche?
Klar! Damit ist manches schwer Verständliche in Gottes Handeln und Zulassen nicht geklärt – ein Scharlatan, wer meint, dies immer und in jedem Fall erklären zu können.
Aber ich komme von meinem Richterstuhl herunter
und nehme den Platz ein, der mir angemessen ist:
den Platz des am unheimlichen Willen in der Welt leidenden, aber auch in diesem Willen verstrickten Sünders.
Und meine anklagende Hand ist mir dann nicht mehr im Weg, das zu sehen, was mir Matthäus zeigen möchte: Hoffnungszeichen auf Gottes heimlichen,
aber guten Willens für die Welt.
Jesus, der Retter muss, wie Moses, der Retter des Volkes Israel, nach Ägypten.
Jesus, das sagt sein Name, ist Retter, nicht vorrangig Geretteter, nur kurzfristig Geretteter.
Jesus, das sagt die Parallelität zu Moses, ist Retter,
nicht nur Geretteter.
Das ist er nur, damit er Retter sein kann.
Jesus muss nach Ägypten, wie das Volk Israel.
Wie das Volk Israel muss er in die Fremde, damit er solidarisch wird mit Menschen in der Fremde,
und damit er unsere Entfremdungen mitträgt,
die Entfremdungen mit unserer Welt, die Entfremdung mit uns selbst und vor allem die Entfremdung aller Menschen mit ihrem Gott, der sie erschuf und der sie erretten will.
Der heimliche Wille Gottes für die Welt – er ist verborgen in der Umheimlichkeit von Fremde, Asylantentum und Flucht.
Der unheimliche Wille in der Welt und der heimliche Wille Gottes für die Welt?
Existieren sie nebeneinander her,
der eine schmerzhaft in die Augen springend,
der andere zumeist verborgen?
Die beiden Wirklichkeits- und Willenslinien kreuzen sich!
Vor ein paar Tagen hat mich jemand darauf aufmerksam gemacht, dass ihr beim Basteln von Strohsternen aufgegangen sei, dass im Weihnachtsstern schon das Kreuz verborgen ist!
Wie wahr!
Und wo kreuzen sich die beiden Linien in unserer Geschichte? Ich meine, das geschieht in Josef. Er muss leiden unter dem unheimlichen Willen in der Welt, muss Flucht und Fremde ertragen, aber er wird auch zum Erfüllungsgehilfen
für den heimlichen Willen Gottes für die Welt.
Drei Dinge sind dabei für ihn charakteristisch:

  • Er träumt,
  • Er ist den Träumen gehorsam, und
  • Er schweigt.

Er träumt - dreimal ist davon die Rede.
Die starre und unheimliche Realität seiner Zeit
hat ihn nicht dazu verführt, sich ihr anzupassen,
sich mit ihr abzufinden, sich nur – wenn vielleicht auch seufzend – auf sie einzustellen.
Er träumt, sieht Möglichkeiten,  wo andere von Unmöglichkeiten hypnotisiert sind
Er ist den Träumen gehorsam,
Daran merken wir, dass seine Träume nicht Flucht aus der Realität sind, wenn sie ihn auch fliehen heißen.
Seine Träume sind nicht Ersatz, sondern der Motor für sein Handeln.
Wie unheimlich konsequent er für Gottes heimlichen Willen offen ist!
Und so wird er zum Retter des Retters.
Er schweigt – in der ganzen dramatischen Geschichte wird kein Wort von ihm berichtet.
Den vielen ungehorsamen Schwätzern seiner und unserer Zeit wird ein gehorsamer Schweiger gegenübergestellt.
Gottes heimlicher, aber unheimlich guter Wille,
kommt zum Zug durch einen schweigenden,
und Gott gehorsamen Träumer, dem Josef, dem Mann der Maria.
Das ist eins von vielen Zeichen für das wahre und hoffnungsvolle Geheimnis von Gottes Geschichte mit der Welt.
Lassen Sie uns im Neuen Jahr solche Zeichen suchen und deuten!
AMEN.

 

Silvester 1982 - Psalm 121

Liebe Gemeinde,
heute Abend, wo wir in der Christuskirche zusammen sind,
mit den vielen Stimmen im Ohr, die uns zum Jahresende zurufen:
Seid im kommenden Jahr auf der Hut,
damit ihr euren Arbeitsplatz nicht verliert,
damit ihr gesund bleibt, damit kein Krieg ausbricht u.a.m.
heute Abend möchte ich Ihnen einen Psalm lesen,
der die Augen öffnen möchte für die Glaubenswahrheit,
dass Gott auf der Hut ist.

Psalm 121
1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
2 Meine Hilfe kommt vom HERRN,
der Himmel und Erde gemacht hat.
3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
4 Siehe, der Hüter Israels
schläft und schlummert nicht.
5 Der HERR behütet dich;
der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
7 Der HERR behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!

Lassen Sie mich zu diesem Psalm eine Geschichte erzählen,
eine wahre Geschichte, die frei erfunden ist.
Wahr ist sie, weil sie auf so Viele unter uns zutrifft.
Wahr ist sie auch,
 weil sie uns zu einer Begegnung mit der Wahrheit führen kann.
Wahr – aber wie gesagt, frei erfunden

Als der Held unserer Geschichte
(vielleicht ist er auch kein Held) geboren wird,
wird er mit mütterlicher und väterlicher Fürsorge förmlich übergossen.
Du kleines Ding, dich wollen wir behüten und umsorgen!
Er schreit – und der Vater ist da!
Er hat Hunger – und Mutter gibt ihm zu trinken.
Eine behütete Kindheit liegt vor ihm.
Stolz tragen die Eltern ihn zur Taufe
und dort spricht der Pfarrer über ihm als Taufspruch:
3  Der Herr wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
4 Siehe, der Hüter Israels
schläft und schlummert nicht.
Dieses Wort bedeutet den fürsorglichen Eltern unendlich viel,
verspricht es ihnen doch
dass sich ein großer Bündnispartner
in ihrer Sorge um ihr Kind eingestellt hat.
Im Kinderzimmer hängen Sie ein Bild auf,
das ein Kind auf einem schmalen Pfad
durch unwegsames, bedrohlich wirkendes Gelände zeigt,
aber ein Bote Gottes hält seine behütenden Hände über es.
3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
4 Siehe, der Hüter Israels
schläft und schlummert nicht.
Als er heranwächst, so mit 10, 12 Jahren
schaut er manchmal auf dieses Bild
und er identifiziert sich mit dem Kind
auf dem Weg durch unwirtliches Gelände
aber unter den behütenden Händen Gottes.
Er versenkt sich in dieses beruhigende Bild
wenn er einzuschlafen sucht
aber die Eltern im anliegenden Zimmer streiten,
Das Wort Scheidung fällt.
Er schaut auf den Engel, wenn er am nächsten Tag eine Mathe-Arbeit zu schreiben hat,  das ist sein schwächstes Fach.
Dies Bild taucht in seinem Innern auf
wenn immer Probleme wie hohe unüberwindliche Berge vor ihm stehen
Und er wird ruhiger, gelassener, wenn er an seinen
großen und geduldigen Bündnispartner denkt.

Mit 14 wird er konfirmiert mit dem Denkspruch:
5 Der HERR behütet dich;
der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
Große Freude kommt in ihm auf,
denn er denkt an das Vertrauen schaffende Bild in seinem Zimmer -
noch immer hängt es dort.
Bis eines Tages ein Freund (oder ist es kein Freund?)
ihn auf seinem Zimmer besucht
und beim Anblick des Bildes einen Lachanfall bekommt.
Kurze Zeit danach fragt die Mutter:
Wo ist eigentlich dein geliebtes Bild geblieben?
Sie bekommt keine Antwort.

Aus dem Kind wird ein Mann.
Jetzt wird das Leben hart.
Ein souveräner Mann, eine emanzipierte Frau,
muss sich jetzt den Weg selbst suchen und bahnen,
muss auf der Hut sein,
im Kampf um Zehntelnoten nicht den Kürzeren zu ziehen,
muss auf der Hut sein
im Betrieb unabkömmlich zu sein – der Arbeitsplatz ist unsicher.
muss auf der Hut sein
im unerbittlichen Kampf um Statussymbole mithalten zu können:
der Nachbar fährt ein teures Auto,
die Kollegen tragen Designer-Klamotten.

Inzwischen hat er geheiratet (Aus Liebe? Weil es alle tun?)
Sein Trauspruch:
2 Meine Hilfe kommt vom HERRN,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Sein Leben ist hektisch geworden.
Das Vertrauen in den niemals schlafenden Hüter aus seinem Taufspruch
ist nur noch eine ferne Sehnsucht,
die er sich kaum einzugestehen getraut.
Früher konnte er sich dem ewigen Hüter anvertrauen.
Jetzt kann er nicht mehr entspannt schlafen
wenn Sorgen ihn quälen
wenn Menschen ihn enttäuschen
wenn er mit sich und seinen Gefühlen nicht mehr zurecht kommt.
Er muss arg auf der Hut sein
aber seine Frau betrügt ihn.
Bei Tag will er wachsam sein
und schließt alle möglichen Versicherungen ab
aber er entfremdet sich mehr und mehr von seinen Kindern.
Bei Tag will er auf der Hut sein,
er wird zum Radfahrer im Betrieb,
muss aber trotzdem um seine Stelle bangen.
Er merkt, das in allen wirklich lebenswichtigen Dingen seines Lebens
Er sich zwar verantwortlich sorgt, dass sein Leben ihm aber entgleitet.
Die Tage verbracht mit nutzlosem Wachen und Sorgen,
die Nächte in peinigender und aushöhlender Schlaflosigkeit.

Ab und zu taucht das Bild aus seinem Kinderzimmer
vor seinem geistigen Auge auf.
Lange wehrt er sich dagegen,
er meint, dies alles sei kindisch,
er schämt sich seiner Erinnerungen an kindliche Gelassenheit.
Als er dann eines Tags den Kündigungsbrief
seiner Firma in den Händen hält
bricht alles in ihm zusammen,
alles was er an Fassaden mühevoll aufgebaut,
alles was ihn noch nach außen hin aufrecht hielt.
Am Rande eines nervlichen Zusammenbruchs
trifft er beim Nachhausekommen ausgerechnet auf seine Tochter,
die ihm in den ganzen Jahren
immer nur kritisch und schnippisch begegnet war –
und gerade vor ihr bricht alles aus ihm heraus.
Sie hört nur zu,
ist im besten Sinne des Wortes behutsam.
Eigenartigerweise ist es ihm nicht peinlich
sich so vor seiner Tochter zu öffnen,
auch nicht als er über seine Kindheit
und das Bild von Gottes behütenden Händen spricht.

Da springt ihn der Gedanke an:
Nicht jetzt bin ich kindisch;
Ich war es in meinen krankhaften Sicherungsversuchen,
in meinen verkrampften Misstrauen,
in meinem nimmersatten Streben.
Das alles war töricht und kindisch,
denn was hat’s gebracht
außer schlaflosen Nächten und zerbrechenden Beziehungen?

Das Kündigungsschreiben, der Auslöser für seinen Zusammenbruch
kam ausgerechnet zum Jahresende.
Als er das Schreiben las, dachte er nur ans Schlussmachen,
mit Gas oder sonstwie. Schluss!

Aber jetzt, nach dem ungesuchten Gespräch mit seiner Tochter
keimt plötzlich der Gedanke an einen Neuanfang auf.
Ein Neues Jahr, ein neuer Anfang, ein neuer Start,
ein neues Leben.
Nicht kindisch, aber kindlich vertrauend dem,
der niemals schläft, dem der zuverlässig behütet,
dem der deinen Fuß nicht gleiten lässt.

„Lass uns heute Abend mal wieder in die Kirche gehen“
hört ihn seine immer mehr verwunderte Tochter sagen.
Und, liebe Gemeinde, Sie werden es nicht glauben,
aber dort hört er seinen Psalm, den 121.

1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
2 Meine Hilfe kommt vom HERRN,
der Himmel und Erde gemacht hat.
3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
4 Siehe, der Hüter Israels
schläft und schlummert nicht.
5 Der HERR behütet dich;
der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
7Der HERR behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
8 Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!

AMEN

 

1. Sonntag nach Neujahr 2003 - Lukas 2,41-52

Liebe Gemeinde,
„Als der Knabe Jesus 5 Jahre alt war,
spielte er an einer engen Stelle eines rauschenden Stroms.
...und aus Ton formte er 12 Sperlinge.
Es war aber Sabbat und andere Kinder spielten auch mit ihm.
Da sah einer, was Jesus spielend am Sabbat tat.
Der ging sofort zum Vater von Jesus, Joseph, und sprach:
Schau, dein Kind ist am Fluss und es nahm Ton und formte 12 Sperlinge
und verletzte damit das Sabbatgebot.
Und Joseph ging hin und schrie:
Warum tust du Dinge, die am Sabbat nicht erlaubt sind?
Der Knabe Jesus aber klatschte in die Hände
und rief den Spatzen zu:
Fliegt weg und gedenkt meiner, jetzt wo ihr lebt!
Und die Sperlinge flogen kreischend davon.
Als die Juden das sahen waren sie erstaunt
und berichteten es ihren religiösen Führern.“
EINE KINDHEITSGESCHICHTE JESU

EINE WEITERE:
„Der Sohn von Hannas, dem Schriftgelehrten, stand bei dem Knaben J.
und riss einen Ast von einer Weide und versprengte damit das Wasser,
das Jesus angesammelt hatte.
Als Jesus das sah wurde er sehr zornig und sagte zu ihm:
Du gottloser und hirnloser Schwachkopf,
was hat dir das Wasser getan?
Siehe, du wirst verdorren wie ein Baum
und wirst nie wieder Blätter, Wurzeln oder Früchte hervorbringen.
Und alsbald verdorrte der Junge gänzlich.
Und seine Eltern brachten seine Überreste klagend zu Joseph.“
Und nun eine dritte Geschichte von Jesu Kindheit:
aus Lukas 2, dem für heute vorgeschlagenen Predigttext:
41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.
42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.
43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten's nicht.
44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.
45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.
46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.
47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.
48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.
49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?
50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.
51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.
52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Ja, die kennen wir, aber was ist mit den ersten beiden,
von dem Spätzlesmacher und dem ausrastenden Killerbuben?
Die letzte passt zu Jesus, die andern nicht,
so empfinden wir sofort.
Sind die beiden ersten antichristliche Verleumdungen?
Mitnichten!
Sie stammen aus den Kapiteln 2 und 3
des Kindheitsevangelium nach Thomas
und auch dieser Schrift geht es um die Größe und den Ruhm Jesu.
Aber das hat es nicht geschafft, in die Bibel aufgenommen zu werden.
Warum?
Die Jahre und Jahrzehnte nach dem Tod von Jesus
müssen ungeheuer spannend gewesen sein für alle,
die auch nur im entferntesten religiös interessiert waren
in Palästina und vielen römischen Provinzen.
Jesus hatte viel Staub aufgewirbelt,
durch seine ungewöhnlichen Predigten
und sein provozierendes Verhalten.
Und nun war er tot und manche waren todsicher,
dass er ein Scharlatan war, andere aber war ebenso gewiss,
wenn sie ihn einen Messias nannten.
Und über so umstrittene Persönlichkeiten erzählte man sich Geschichten,
die einen, um Jesu Wichtigkeit zu untermauern,
die andern, um vor einem Betrüger zu warnen.
Tausende von Geschichten über Jesus!!!
Von seinen Schülern,
die drei Jahre Tag und Nacht mit ihm verbrachten;
da gibt’s was zu erzählen!!!
Später von den Schülern der Schüler.
Geschichten von Leuten, denen er geholfen hatte,
aber auch viele von denen, die sich über ihn ärgerten.
Und um die Sache mit den Geschichten über Jesus noch etwas verwirrender zu machen, kam folgendes hinzu:
Selbst die allerehrlichsten Geschichtenerzähler
schmückten Geschichten aus, ja, erfanden welche!!!
Dess derff mer awwer nedd, rührt sich Opposition in und unter uns.
Würden wir einen jener Geschichtenerzähler
und –erfinder von damals mit unserem Vorwurf konfrontieren,
er würde uns voller Unverständnis anschauen
und keine Ahnung haben, was denn unehrlich oder unehrenhaft sei
am Ausschmücken und Erfinden von Geschichten
über interessante Menschen.
Denn damals sagte man über eine starke Persönlichkeit zum Beispiel:
Der hat einen Baum ausgerissen, mit bloßen Armen!
Wir würden sagen: Der war extrem stark!
 (Abstrakt und blutleer wie wir sind!)
Wir sagen über einen Frommen:
Der ist Gott sehr nah und hat einen starken Glauben.
Die damals hatten für den selben Sachverhalt farbigere Bilder:
Der ist von der Jungfrau geboren, erzählten sie –
und das gleich von Hunderten von beeindruckenden Größen.
In dieser fernen Zeit und fremden Kultur
galten andere Regeln was Ausdrucksformen des Glaubens anlangt.
Geschichten waren Aussagen über die Wichtigkeit
und die Wahrheit in einem bestimmten Menschen
und nicht bloße Wiedergaben von zufällig irgendwann Geschehenem.

Aber warum erzähle ich Ihnen das alles,
wo es doch heute nach dem vorgegebenen Predigttext aus dem Lukasevangelium um den 12-Jährigen Jesus im Tempel gehen soll?
Weil ich verständlich machen möchte,
warum Lukas diese und nur diese eine Kindheitsgeschichte Jesu
 in sein Evangelium aufgenommen hat.
Was war ihm wichtig in dieser Geschichte?

Da sitzt er, so um das Jahr 80 nach Christus, in seiner Schreibstube,
um „....Bericht zu geben von den Geschichten,
die unter uns geschehen sind......damit du den sicheren
Grund der Lehre erfahrest
 in der du unterrichtet bist (hochgeehrter Theophilus!),
so begründet er sein Werk am Anfang seines Evangeliums (Lukas 1,1-4).
Um sicheren Grund für den Glauben geht es ihm,
50 Jahre nach dem Tod Jesu.
Ja, sie haben richtig gehört, als Lukas schreibt,
ist Jesus schon 50 Jahre tot,
allerdings aber wunderbar lebendig in allen,
die in Jesus Gottes erleuchtendes
und befreiendes Geheimnis entdeckten
In diesen 50 Jahren waren Tausende  von Jesusgeschichten zirkuliert
und darunter waren Dutzende von Erzählungen über seine Kindheit.
10 Jahre vorher ist ein Kollege von Lukas, der Markus,
als erster dabei, aus diesen vielen erzählten
 und wieder und wieder erzählten Geschichten
eine Auswahl zu treffen.
Interessanterweise nimmt er,
 Markus, in sein Evangelium weder das Kind in der Krippe noch die Weisen aus dem Morgenland auf,
auch nicht den 12-Jährigen im Tempel.
Er beginnt mit dem erwachsenen Jesus,
den Gott durch die Taufe des Johannes quasi adoptiert.
Von da an ist Jesus Gottes Sohn, frei erwählt von Gott.

Lukas aber kommt mir so vor, als wolle er sagen:
Leute, schon vorher, lange vor der Johannestaufe,
zeigte sich, dass Gottes Erwählung
dieses Jesus begründet war,
einen Grund hatte.
Und dieser Grund lag darin, dass Jesus schon sehr früh zeigte,
was oder wer ihm wichtig war.
Salopp gesagt: Lukas ist der Überzeugung
und will für diese Überzeugung werben,
dass Gottes freie Wahl des Jesus nicht nach dem Lottoprinzip geschah,
sondern dass er schon auf die Eignung  des Kandidaten achtete
und dass göttliche Freiheit nicht mit Willkür verwechselt werden darf.

Und dafür eignete sich nach Meinung des Lukas
wohl die Tempelgeschichte besonders trefflich:
Der ganze Familienklan war zum Passafest nach Jerusalem gereist,
3 Tagereisen ein Weg, einmal im Jahr, ein Höhepunkt.
Und auf dem Heimweg passiert’s : Der kleine Jessie wird vermisst;
bezeichnenderweise aber erst abends,
man ist schon –zig Kilometer von Jerusalem weg.
Man hatte ihm den Tag über Freiheit gelassen,
abends zählt man die Schafe im Pferch, Jessie fehlt.
Sorgen, Ängste, Hektik, Vorwürfe:
„Joseph, hoschd du nedd??? Sträflich leichtsinnnig! Etc...“
Nichts wie zurück!
Ich kapier nicht, warum es drei Tage dauert,
 bis man ihn im Tempel findet (siehe Vers 46).
 War das der letzte Platz, wo man ihn vermutete???
 Kaum!
Nach drei Tagen also, Wiedersehen im Tempel.
Wieder Vorwürfe: Mir häwwe uns Sorche g’machd.
Dein Vadder vor allem!
Ja, genau, genau um den geht’s mir, antwortet Jesus.
„Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem,
 was meines Vaters ist?(v.49)
Und jetzt meint er nicht Joseph.
Ich bin mir fast sicher, dass dies bei Lukas den Ausschlag gab
für die Auswahl gerade dieser Story unter Dutzenden.
Lukas tat’s wahrscheinlich gut, dass der, dem er als Heiland vertraute,
hier klar sagte, was Sache ist, Neudeutsch: Prioritäten klar machte.
Der, dem ich mein Leben jetzt und in Zukunft anvertraue,
der, von dem ich erhoffe,
dass er mich heimbringt zu meinem himmlischen Vater,
der hat schon früh gezeigt, wie begründet Gottes Wahl war.
So oder ähnlich mag Lukas gedacht haben.
Was nützt mir einer, der vor untergeordneten Autoritäten kuscht?
Wie könnte ich mich verlassen auf einen,
der nicht schon früh zeigte, dass er kein von jedem Wind gebeutelter religiöser Fanatiker war, sondern einer, dem es wirklich um Gott ging
und dem Gott nicht nur Alibi für eigene Interessen war.

Auch später wenn Jesus „ungehorsam“ war, das Gesetz „überging“,
tat er es paradoxerweise aus Gehorsam.
Jesus unter diesem verlässlichen MUSS
des einzigen und lebendigen Gottes,
dem will auch ich vertrauen lernen, für dieses und das neue Leben.
Jetzt sagt er AMEN, denken Organist und Gemeinde,
aber weil Sie so geduldig waren, dürfen Sie noch eine Ihnen wahrscheinlich unbekannte Kindheitsgeschichte Jesu hören:
„Und in der Zeit der Aussaat ging der Knabe Jesus
mit seinem Vater auf ihren Acker um zu säen.
Und als der Vater säte, warf auch das Kind Jesus ein Maß Körner aus.
 Und nachdem sie geerntet und gedroschen hatten,
hatten sie 100 Maß Körner. Und der Knabe Jesus holte die Armen des Dorfes auf die Tenne und er teilte großzügig Getreide aus.....
Und Jesus war 8 Jahre alt, als er dies Zeichen tat.“
(Aus Kapitel 12 des Kindheitsevangeliums von Thomas)
Ein früh reifes Bürschle, meinen Sie nicht?!
Früh übt sich, wer der Heiland werden will!
Jesus – find ich gut!
AMEN

 

1. Sonntag n. Epiphanias 2011

Mt. 14,22-33

22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. 26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!
28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

 

Du bist wahrhaftig Gottes Sohn –
das ist das ehrfürchtige Bekenntnis der Jünger
am Ende unserer Geschichte.
Du bist wahrhaftig Gottes Sohn –
dass dies auch unser Bekenntnis werde,
ist Sinn und Ziel dieser Geschichte.

Du bist wahrhaftig Gottes Sohn – das will heißen:
Jesus ist Gott, will heißen:
nirgendwo ist Gott so klar und unverzerrt zu erkennen,
als in diesem Jesus.
Aber dieser Jesus treibt seine Jünger von sich,
treibt sie in ein Boot,
treibt sie auf den See, wo bald Wind, Wellen und Nacht
ihr böses Spiel mit ihnen treiben sollen.
Nirgendwo ist Gott so klar und unverzerrt zu erkennen
als auch in diesem Jesus??
Dem Jesus, der seine Nachfolger in die bedrohte Ferne schickt?????
Gottgewollte Gottesferne –
sprengt das nicht unser glaubendes Vorstellungsvermögen???
„Und alsbald trieb Jesus seine Jünger,
in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren.“
Handelt so Gott an denen, die ihm vertrauen?
Dann wäre nicht jede erfahrene Gottesferne unseres Lebens
durch eigene Schuld, Sünde und Unglauben bedingt.
Dann gäbe es Gottesferne, die seinem göttlichen Willen entspringt,
die aber auch in seinem erneuten Näherkommen und in seinem Ruf: Komm her! wieder an ihr Ende kommt!?

 

Ist es vermessen, Gott zu fragen,
wozu solche Gottesferne gut sein soll?
Nehmen wir uns zuviel heraus,
wenn wir fragen, wem das dienen, wem das helfen soll?
Will er nur ab und zu seine Ruhe haben?
Oder sollte dieses „von sich treiben“ am Anfang der Geschichte
etwas mit dem Bekenntnis an ihrem Ende zu tun haben?

Und wie ich so frage, fällt mir auf, dass nicht nur Matthäus,
sondern auch Markus und Johannes
direkt vor dem heutigen Predigttext
von der Speisung der 5000 erzählen.
Darin erweist sich Jesus als der eine,
der den Hunger der Menschen stillen kann und, nach Johannes,
als Brot des Lebens erkannt werden will.
Mit so wenig so viele satt machen!
Wenn das nicht überzeugt, dass Jesus der Messias ist!
Toll! Gewaltig!
Das spontane Bekenntnis: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn
wird den Jüngern schon gleich nach der Speisung der 5000
auf der Zunge gelegen haben!
Denn diese wunderbare Sättigung bestätigt alles,
was sie bisher mit Jesus erfahren haben
und setzt dem allem die Krone auf:
Er heilt die verschiedensten Krankheiten,
wehrt dämonischen Mächten
und schlägt die Menschen mit seiner
ungewöhnlichen Verkündigung in seinen Bann.
Und nun der absolute Gipfel:
So viele werden satt von so wenig!
Das Bekenntnis will aus seinen Jüngern geradezu hervorbrechen:
Du bist Gottes Sohn!
DOCH  - alsbald trieb er die Jünger von sich!!
Matthäus und Markus betonen beide gerade an dieser Stelle,
dass Jesus sie jetzt zwang, nötigte, in das Boot zu steigen,
ihn zu verlassen –
und auch das „alsbald, gleich danach“, wird vom Evangelisten betont.

In der Speisung und manchen anderen Wundern
konnten die Jünger Jesus als Gott erkennen
und wollten ihn nun bekennen.
Aber würden sie ihn auch wieder erkennen?
Würden sie ihn wieder erkennen,
wenn er ihnen anders erscheint, als bisher!
Würden sie ihn wieder erkennen als den Gott,
der sich nach dem Hebräerbrief
„auf mancherlei Weise“ offenbaren kann und will?
Würden sie das Erkennen einschränken
auf die paar in etwa ähnlichen Erfahrungen mit Gott in der Vergangenheit?
Solch eingeschränktem Erkennen
könnte aber auch nur ein eingeschränktes Bekennen folgen!
Gleich nach der wunderbaren Speisung wollen sie ihren Glauben bekennen –
doch es wird ihnen nahezu brutal verwehrt!
Jesus treibt sie alsbald von sich!
Denn Glauben ist nicht nur ein Erkennen,
sondern vor allem ein Wiedererkennen Gottes – wieder und wieder!! Gott erkennen, wenn er uns begegnet „wie gehabt“,
wenn vergangene Erfahrungen den Maßstab liefern können –
das ist nicht schwer!!
Aber ihn wieder erkennen,
wenn er sich als der ganz andere erweisen will,
wenn ER, der Ewig Lebendige,
unsere starren, an unserer begrenzten Erfahrung
orientierten Maßstäbe aufsprengen will –
ihn wieder erkennen, wenn er nicht nur aus der Not hilft,
sondern auch in die Not führt –
ihn wieder erkennen,
wenn wir nicht nur im Glauben begeistert sind,
sondern entgeistert in die Nacht starren –
ihn dann wieder zu erkennen – das fällt nicht leicht,
wie diese Geschichte
und auch unsere persönliche Lebens- und Glaubensgeschichte zeigen.

Jesus kommt wieder zu seinen Jüngern –
Gottesferne, so verheißt uns diese Geschichte,
hat ihren Anfang und ihr Ende in Jesus, unserem Herrn.
Aber ihn jetzt wieder erkennen –
in der Nacht, wo der Durchblick fehlt, bei dem Wind,
wo alles sich gegen einen wendet
und Vorwärtskommen unmöglich scheint,
bei den Wellen, wo alles über dir zusammenbricht
und das sinkende Versagen offensichtlich unausweichlich ist?
Ihn jetzt wieder erkennen – darum geht’s im Glauben.
Aber ist´s verwunderlich,
wenn er den Seinen nun wie ein Verbündeter des Chaos vorkommt? „Sie erschraken und riefen:
Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht.“
Ihn jetzt wieder erkennen – jetzt, in der vierten Nachtwache,
so kurz nach drei, jetzt, wo die Nacht am dunkelsten ist,
glauben, dass der Tag am nächsten ist – darum geht´s!
„Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht endlos sein“,
wo Gott selbst als Chaos-Macht erscheint, spricht Jesus sie an:
Seid getrost! Ich bin´s! Fürchtet euch nicht!

Aber das sind Worte!
Woher soll Petrus wissen, dass es Jesu Worte sind!
Erst muss er doch wissen, dass es Jesus ist.
Wie soll er sonst glauben, dass es Jesu Worte sind,
und nicht die eines irreführenden Gespenstes?
Woher wissen, dass Gottes Wort uns anspricht,
bevor nicht Gott als Gott wieder erkannt wird?
Und daher die Bitte, die fragende Bitte:
„Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser!“
Ihn nach dieser schrecklichen Gottesferne wieder erkennen,
ihn wieder erkennen, wenn auch die Vergangenheit
und alle bereits mit ihm gemachten Erfahrungen
keine Erkennungszeichen liefern,
ihn wieder erkennen, darum geht’s bei der Art von Zweifel,
die hinter Petri Frage steckt: Herr, bist du es?
Es ist nicht dieser Zweifel, den Jesus später rügt!
Nein, diese Art Zweifel gehört zum Glauben,
wenn Glauben mit dem immer neuen Wiedererkennen Gottes zu tun hat.
Herr, bist du es!
Wo dieser Zweifel nicht zugelassen, sogar ermutigt wird,
kann es ja kaum zum Wiedererkennen kommen,
wenn Gott lebendig ist, wenn Gott wirklich anders ist,
als wir denken.
Herr, bist Du es?
Wo dieser Zweifel abgewürgt wird,
wird auch der lebendige Gott abgewürgt –
und zum Gott wird die Vergangenheit und die fromme Erfahrung in ihr. Dann sucht und findet man Gott nur noch in dem Bereich,
der den Stempel trägt: Wie gehabt!
Gib mir die Begeisterung, wie gehabt, lieber Gott,
aber verschone mich von der Entgeisterung!
Gib mir, lieber Gott, wie gehabt, die schnuggelige Wärme deiner Nähe, aber erspar mir die Gottesferne,
unter der der Rest der Menschheit leidet.
Bestätige mich, lieber Gott, in meinen Ansichten,
wie gehabt, und tritt mir nicht verunsichernd in den Weg!
In einem solchen Bitten heißt Gott „wie gehabt“,
und nicht „Ich bin, der ich bin“.
Letzterer nötigt zum Wiedererkennen, nötigt zum Zweifel, der fragt: Herr, bist du es?
Und bist du es, dann … dann lass mich erfahren,
dass was dich trägt auch mich zu tragen vermag!
Nicht mehr und nicht weniger.
Herr, lass mich erfahren,
dass auch das noch nicht getestete, das, worin ich unerfahren bin,
dass das auch das trägt – auf dein Wort hin.
Und in diesem Test des Wiedererkennens wird Petrus
zum ersten Aussteiger der Kirchengeschichte.
Im relativ sicheren Boot kann man Jesus als Herrn nur erkennen,
wenn er sich erfahren lässt, wie gehabt.
Radikal Neues aber winkt den Aussteigern!

Und das schlechthin Bodenlose und Chaotische trägt,
es trägt, besser: ER trägt!
Denn sobald Petrus wieder die Wellen und den Wind sieht,
sobald er jetzt zweifelt,
nun nicht mehr in der ums Wiedererkennen kreisenden Frage:
Bist du es, Herr,
sondern im Erkennen der eigentlichen Bodenlosigkeit seiner Situation – da sinkt er!
Und jetzt wird deutlich, dass nicht ES, sondern ER trägt!
Petrus macht die Erfahrung:
Nicht mein Glaube, nicht meine Gebete, nicht meine Gefühle tragen, sondern ER trägt.
Ja, er trägt auch den Kleingläubigen!
Und als solcher wird der Aussteiger wieder zum Einsteiger,
der als solcher den Herrn wieder erkennt
und zusammen mit den andern bekennt:
Du bist wahrhaftig Gottes Sohn.
Der Gott lebendigen Glaubens heißt nicht „Wie gehabt“,
sondern „Ich bin, der ich bin“ Amen

 

1. Sonntag nach Epiphanias 1998

Römer 12,1-2

1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes,
dass ihr [a] eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und
Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch
Erneuerung eures Sinnes damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist,
nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

 

Liebe Gemeinde,
ein kleines, privates Geheimnis verrat ich euch jetzt:
Seitdem wir wieder in Boxberg wohnen,
haben wir  unser Grundstück neu gestaltet:
Teich, Bachlauf usw. Manche von euch haben's geseh'n; vielen gefällt's.
Jetzt aber das Geheimnis: Wissen Sie, wer mir oft viel Kraft gab,
wenn's bei den Arbeiten an Teich und Grundstück manchmal arg anstrengend war?
(Weil ich Pfarrer bin, vermuten manche jetzt,
die Antwort müsse "der liebe Gott" heißen, gelt?)
Nein, es war mein Nachbar,
der im letzten Jahr verstorbene "Herschewert" –
der hat mir oft geholfen und auch oft wohlwollend zugeschaut
 ( so hinter dem Vorhang!).
Und wenn ich wieder mal schwer ranmusste,
dann dachte ich: Vielleicht guckt er dir jetzt zu und freut sich,
und dann ging alles etwas leichter
und die Opfer in Form von Muskelkater und Erschöpfung
fielen nicht so schwer.
Ja, der Friedrich fehlt mir!
Aber warum erzähl ich euch das? (Des g'hört nett in e Predicht!?)
Der heutige Predigttext sagt:
Weil Gott euch wohlwollend ansieht,
könnt ihr lebendige Opfer bringen,
und das ist im Prinzip ein Geschehen
wie das zwischen Friedrich und mir.
(Textverlesung)
Es gibt Opfer, die fallen gar nicht schwer,
weil ein leuchtendes Gesicht sie begleitet,
 ja, sie geradezu hervorkitzelt.
Ich muss nochmals auf meinen Nachbarn zurückkommen:
Seht, ich hab mich ja nicht so angestrengt,
 damit Friedrich sagt: Respekt!
sondern manche Mühen sind leichter gefallen,
 weil er Wohlwollen und Hochachtung schon vorher geäußert hatte.

Es ist kaum auszuloten, welch riesiger Unterschied das ist:
Opfer und Mühen, deren Ziel Wohlwollen ist
sind sklavisch und verunsichernd, sich einschleimend,
 würden meine Schüler in Osterburken sagen.
Sie machen den Menschen zu berechnenden Duckmäusern.
Doch Opfer und Mühen deren Ursache Wohlwollen ist,
sind befreiend, beflügelnd und tun allen Beteiligten gut.
Sie machen Menschen zu befreiten Liebhabern des Lebens,
deren gemäße Lebensäußerung eher das Tanzen als das Kriechen ist.
Und wieviel wird bei Kirchens gekrochen,
und wie wenig getanzt!
Opfer mit Wohlwollen als Ziel - das ist die übliche, üble Religion;
Opfer mit Wohlwollen als Ursache
das ist befreites, befreiendes Evangelium.
Opfer mit Wohlwollen als Ziel
da mussten Millionen von Tieren dafür verbluten.
Opfer mit Wohlwollen als Ursache -  ja, was? Was ist mit denen?
Alles was man darüber gesichert sagen kann ist:
Sie sind fast so selten wie die Blaue Mauritius!
Und: Sie sehen manchmal aus, wie die Opfer mit Wohlwollen als Ziel.

Ein junger Bursch geht mit seiner Freundin ins Kino,
in einen schwülstigen Liebesfilm,
von dem er schon vorneweg weiß: Nicht mein Geschmack!
Er bringt aber das Opfer, ihr zuliebe, wie er sagt.
Und? Tut er's mit Wohlwollen als Ziel,
damit er hinterher problemloser und schneller mit ihr ins Bett kommt?
Oder tut er's mit Wohlwollen als Ursache,
weil sie zu ihm steht,
weil sie Ja sagt zu ihm, trotz aller Ecken und Kanten?
Sichtbar nach außen ist der gemeinsame Gang ins Kino,
aber ob er berechnender Duckmäuser oder befreiter Liebhaber ist,
weiß sie vielleicht nicht, er evtl. auch nicht.
ABER es macht den Unterschied!
Das eine ist Liebe, das andere Manipulation!

Nun haben sich Milliarden Menschen daran gewöhnt,
dass Religion heißt, Gott mit gekonnten Praktiken zufriedenzustellen:
Verblutete Tiere in der Vergangenheit
und geopferte Sündenböcke aller Art heute
sprechen eine deutliche und traurige Sprache.

Und da schreit Paulus förmlich:
Halt! Stoppt die frommen Blutorgien,
Laßt die Sündenböcke aller Art frei!
Paßt euch nicht den schrägen Maßstäben dieser Welt an,
opfert euch selbst als lebendiges Opfer,
das ist ein Gottesdienst, der Gott gefällt,
wenn, ja, wenn.....
er Wohlwollen als Ursache und nicht als Ziel hat,
wenn er von Gottes wohlwollendem Erbarmen ausgeht
und es nicht damit zu erreichen sucht!

Hingabe als Konsequenz von verläßlichem Wohlwollen,
das ist eigentlich das Thema das Paulus anspricht.
Liebe Konfirmanden,
 für euch muss ich wohl das Wort Hingabe etwas erklären:
Also, es gab mal eine Zeit,
da waren die Worte Sex und bumsen noch nicht erfunden,
da sprach man von Hingabe,
komischerweise fast immer von Mädchen:
Sie hatte sich ihm hingegeben.
Ich denke, man hat das ein wenig einseitig gesehen,
denn in einer echten Liebe, die sich des gegenseitigen Wohlwollens gewiß ist, passiert ein beidseitiges Hingeben.
Das ist fast so was wie ein "sich-selbst-aufgeben"
und das ist gar nichts Schlimmes sondern eher etwas Wunderschönes,
wenn, ja, wenn man sich des gegenseitigen Wohlwollens,
der bejahenden Liebe gewiß sein kann.
Sagt doch selbst: Haben nicht alles Momente echten Glücks
so etwas von "sich-selbst-vergessen" an sich?
Aber aufgepasst: Hingabe ja,
nur nicht an Rattenfänger wie Heide Fittkau-Garthe geraten,
deren Wohlwollen den Preis
gemeinsamen Selbstmords auf Teneriffa hat.

Hingabe! Welch wunderbare Vision für moderne Menschen,
die im Rotieren um sich selbst jede Orientierung verlieren.
Hingabe! Was für ein Hoffnungsstrahl für alle,
die nicht mehr wissen, wozu sie auf der Welt sind.
Hingabe! Was für ein Rezept für alle,
die aus dem Grübeln nicht mehr rauskommen!
Hingabe an den Höchsten!
Jetzt werde ich schwülstig - ihr merkt es!

Jetzt lauert tatsächlich eine böse Falle:
Man könnte nun Paulus so verstehen:
Gott hat sich in Jesus für euch hingegeben,
deshalb gebt euch nun ihm hin.
Das ist beides: Goldrichtig und grottenfalsch!
Es kommt auf die Form, auf die Konkretion der Hingabe an!
Ist sie ein nur weltabgeschiedenes Gefühls- und Gedankensystem -
dann grottenfalsch.
Kriegt die Hingabe an Gott aber neben allem Fühlen und Denken
auch die Form der weltzugewandten Aktion,
dann goldrichtig!

Denn das Argument des Paulus geht so:
Gott hat sich in Christus für euch hingegeben,
euch gezeigt, wie wertvoll ihr ihm seid.
Nun ist aber echte Hingabe immer etwas beidseitiges - ganz spontan!
Eure Hingabe an Jesus aber setzt Gaben frei!
Und diese Gaben werden lebendig in der Gemeinde
und diese Gemeinde ist Leib Christi
und dieser Leib Christi ist weltzugewandt,
der ist da zum Wohl aller, der ist Werbefläche für Gottes Wohlwollen!

Die Gemeinde als Leib Christi ist Werbefläche für Gottes Wohlwollen.
Das ist vernünftiger Gottesdienst, sagt Paulus.
Im Kirchenbezirk Boxberg aber sagt man:
Nicht dieser Gottesdienst zählt, sondern das Pfarramt vor Ort -
und haut sich deswegen die Schädel ein,
und die Presse freut sich,
über diese Verteilungskämpfe berichten zu können,
weil Kirche dann wieder einmal beweist:
Wir sind auch so blöd und eigensinnig wie alle andern, mäh. mäh!
Das beruhigt!
Unsere Aufgabe aber ist die Beunruhigung:
Jesus hat Menschen beunruhigt,
deswegen durfte er nicht mit 84 im Bett sterben.
Religionen beruhigen mit Opferbetrieb, wo andere bluten müssen.
Das Evangelium beunruhigt mit dem Gedanken,
sich selbst hinzugeben, indirekt an eine Welt,
die der Hingabe nicht fähig ist, die liebesunfähig ist.
Lieben kann aber nur, wer geliebt wird,
und deswegen ist entscheidend für uns,
Gottes Wohlwollen so real und unverkrampft wahr-zunehmen
wie ich das anfangs erwähnte Wohlwollen meines Nachbarn.
Unser Gebabbel vom lieben Gott ist oft so oberflächlich und gedankenlos, dass es schon in die Nähe der Gotteslästerung gerät.

Ich habe zwei Tricks entwickelt,
damit mein Glaube an Gottes Wohlwollen nicht ganz untergeht
im Buhlen der Gewalten um meine Hingabe:
Ich beschäftige mich mit Jesusgeschichten
und drück's mir immer wieder rein: So wie der ist Gott!
Das tut gut und ist allemal intelligenter als:
Liebe ist, wenn es Landliebe ist!
Und zweitens: Ich höre besonders gut hin,
wenn der Höhepunkt eines jeden Gottesdienstes kommt:
"Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir"
Gottes Wohlwollen gilt dir!
Das ist nicht unsicherer, frommer Wunsch,
sondern deftige und verlässliche Zusage.
Amen.

 

2.Sonntag nach Epiphanias 1993

Exodus 33, 18-23

18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! 19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Liebe Gemeinde,
Sehen lassen gilt!
Mit dieser Aufforderung endet manches Kartenspiel,
wo sich einer weit vorgewagt hat,
wo einer gereizt hat bis zum "Geht-nicht-mehr"
wo die Karten seines Gegenübers verborgen blieben
und sein Gesicht ein Pokerface war.

Sehen lassen gilt!
So sagt Mose- und er meint damit Gott.
Mose hat sich weit vorgewagt mit Gott:
Hat mit ihm sich gegen den halsstarrigen Pharao verbündet,
damit langersehnte Freiheit wahr wird.
Hat sich in Gottes Namen bereiterklärt,
ein Volk zu führen, das mit seiner Freiheit nichts
anzufangen weiß, sondern in der Wüste rotiert,
und sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurücksehnt,
also den vollen Bauch höher wertet als Freisein.

Ja, Mose hat sich weit vorgewagt
und er hat sein Vertrauensverhältnis zu Gott
ausgereizt bis zum "Geht-nicht-mehr":
Er durfte Gottes Namen als erster erfahren: Ich bin, der ich bin
Er sah ihn in einer Wolken- und Feuersäule und
Gott redete mit ihm aus einem brennenden Busch.
Kann er mehr erwarten?

Er erwartet mehr!
Mose hat immer das Gefühl:
Mein Gott lässt sich nicht in die Karten schauen.
Hat er vielleicht sogar ein Pokergesicht,
das mehr verbirgt als offenbart?
Blufft Gott manchmal?
Sein ganzer Glaube kommt Mose oft so zweideutig vor
In stillen Stunden befürchtet er:
Da lass' ich mich auf etwas ein,
was sich einmal als fixe Einbildung entpuppen könnte.
Die Leute um ihn rum beten ein Goldenes Kalb an,
das kann man sehen, begrapschen, vorzeigen.
Und er? Er redet von einem
mit dem geheimnisvollen Namen "Ich bin, der ich bin"
Kann ihn nicht vorweisen, nicht beweisen,
und doch setzt er alles auf ihn:
Seine Energie, sein Zeit, seine ganze Existenz.

Und Mose mag sich gefragt haben:
Bin ich eine Spielernatur? oder:
Spielt da einer mit mir?
Und das unbändige Verlangen kommt über ihn:
Ich will nicht wagen, sondern wissen!
Ich will nicht glauben, sondern sehen!
Und so sagt er zu Gott:
Sehen lassen gilt!
Nicht frivol, nicht gotteslästerlich,
sondern wie einer, der SO einfach nicht mehr weiter kann
wie einer, der ausgereizt hat,
der als einziger übrig ist, weil alle andern die Karten
bereits weggeschmissen haben.

Hand aufs Herz, liebe Gemeinde,
auch wenn wir uns nicht mit dem berühmten Mose
vergleichen wollen,
trotzdem haben wir uns manchmal so gefühlt wie er:
Einmal, nur einmal, raus aus der Zweideutigkeit des Glaubens
in die Eindeutigkeit des Schauens.
Einmal, nur einmal, diesen Gott so vorweisen können,
dass dieses mitleidige Lächeln verschwindet von den
Gesichtern derer, die wir zu überzeugen suchten.
Einmal, nur einmal,
sehen, ob da hinter dem scheinbaren Pokergesicht Gottes
eine dämonische Fratze oder ein sympathisches Gesicht ist?
Einmal, nur einmal, wissen, ob da überhaupt einer ist,
oder ob unser Glaube einfältig vor sich hin halluziniert.

Es passiert mir manchmal in diesen Tagen,
dass ich über mich selbst erschrecke:
Da lese ich die schrecklichen Berichte von muslimischen Frauenoalte in Bosnien-Herzegowina, die zu Hunderten erniedrigt und vergewaltigt werden, generalstabsmäßig geplant als Mittel der Kriegsführung
und roh und zynisch durchgeführt,
weil man weiß, dass man dadurch diese Menschen,
ihre Familien und Beziehungen zerstört.
Und dann kommt's vor,
dass ich voll Hilflosigkeit, Verzweiflung und Haß stöhne:
Und wo ist jetzt Gott?
Der könnte unterscheiden zwischen Unschuldigen und Schuldigen,
der könnte die Gewaltverherrlicher und Zyniker vernichten
und die Schwachen schützen und heilen.
Der sollte reinfahren wie ein Blitz
und Auge um Auge, Zahn um Zahn
diesem grenzenlosen Elend und Unrecht ein Ende machen.
Aber wo ist er?
Doch dann erschrecke ich über meinen Hass
und meine aus der Ohnmacht geborenen Gewaltphantasien
und ich denke:
Wenn in so einem Krisengebiet  hundert gut
trainierte Einzelkämpfer vom Typ Rambo auftauchten
und dem Spuk ein Ende bereiteten,
würde ich das als Offenbarung Gottes deuten können,
wäre dies nicht auch über die Maßen zweideutig?
Hätte ich in Rambotypen Gott gesehen?

Und ich erschrecke auch über die Dummheit
meines verkorksten Gottesbildes und meine verbogenen
Erwartungen, denn:
Hat sich Gott schützend gestellt vor die 6 Mill. Juden,
vor die Muslime in den Kreuzzügen,
vor die zum Feuertod verurteilten Hexen,
vor die Zigtausend Opfer auf unseren Straßen?
Hat er sich je so vor die unschuldigen Opfer gestellt,
dass sie ihrem schrecklichen Schicksal entgingen?

Sie mögen sagen:
Aber mein Mann ist im letzten Krieg wieder heimgekommen!
Aber was war mit seinem Kameraden?
Kam der nicht zurück, weil er weniger glaubte?
Oder sie mögen, um Gottes Ehre zu retten, argumentieren:
Aber die Israeliten, die hat er doch vor den Ägyptern gerettet,
als sich das Meer teilte, und sie hindurchgingen
und die Wogen erst wieder zusammenschlugen,
als die Ägypter drin waren.
Doch wie sieht man dies Geschehen aus der Sicht der Ägypter,
die ja auch Gottes Geschöpfe sind?
Und Mose, der dies alles miterlebte:
Hat das seinen Glauben an Gott aus der Zweideutigkeit befreit?

Offenbar nicht, denn wenig später verlangt es ihn,
Gott eindeutig zu erfahren, ihn zu sehen.
Gott als Gerechtigkeit schaffenden Kämpfer zu erleben,
hat Mose allem Anschein nach auch nicht geholfen,
sonst müsste er jetzt nicht um Deutlicheres betteln.
Aber wie geht Gott jetzt mit dem Verlangen des Mose um?
Er weist ihn nicht kalt zurück,
lässt ihn auch nicht sadistisch zappeln,
sondern versichert ihm zuallererst:
Du hast Gnade gefunden vor meinen Augen.
Du kannst alles von mir haben, was ich überhaupt geben kann,
so will ich mal übersetzen.
Also, so versteh ich das, sagt Gott zu Mose:
Du hast meine Gnade, dir enthalte ich nichts vor.
Und dasselbe gilt uns als Gemeinde Christi,
denn vorhin vor der Predigt
habe ich Ihnen in Gottes Auftrag zugesprochen:
Und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit Euch allen.
Wir sitzen also mit Mose, was Gottes Wohlwollen anlangt,
im gleichen Boot.
Was Gott Mose antwortet,
darf auch von uns als Antwort auf unsere Sehnsucht
nach eindeutigeren Gotteserfahrungen gehört werden.
(v.21-23 zitieren)
Bezieh einen Standpunkt, du glaubender Mensch,
der Du leidest an Gottes mangelnder Eindeutigkeit,
damals zu Mose Zeiten und heute.
Ich höre Gott in diesen Versen sprechen:
Bezieh Deinen Standpunkt im Felsspalt,
zwei harte, angstmachende Erfahrungen an Deiner Seite:
einerseits die bedrängende Realität deiner Welt und
andererseits die ferne und scheinbar vage Wirklichkeit deines Gottes.
Das ist Dein Standpunkt, dort allein stehst Du sicher,
da allein ist Felsengrund.
Der Felsspalt in den ich dich stelle
ist der Zwiespalt deiner Erfahrungen.
Löse die Spannung dieses Zwiespalts in keiner Richtung auf:
Stell Dich der bedrängenden Realität Deines Alltags
Spiele die Paradoxien nicht herunter,
töne die Leiden nicht durch eine rosa Brille,
bleib sensibel gegenüber Gewalt, die Menschen widerfährt,
nenne Unrecht Unrecht.

Und auf der anderen Seite:
Halte Gottes Gegenwart in ihrer Zweideutigkeit aus,
such Dir keine bequemen Götzen,
flüchte nicht in Esoterik oder Kitschglauben,
lass Gott Gott sein.

Nur in diesem schwer auszuhaltenden Zwiespalt
hast Du festen Boden unter den Füßen.
Der Zwiespalt ist Dein gottgewollter Platz.
Er scheint Dich zuweilen beinahe aufzureiben,
aber nur so reifst Du, nur so bleibst Du lebendig,
nur so gehörst Du zu den Aufmerksamen und Sensiblen.
Dieser Zwiespalt ist wie ein Felsspalt:
Dort erfährst Du paradoxerweise Geborgenheit.
Es ist als ob Gott zu uns sagte:
Wenn Du dort bleibst, im so schmerzhaften Zwiespalt,
dann sollst Du mich erfahren, sollst Du mich sehen,
allerdings erst im Nachsehen, im Nach-denken, im Nach-fühlen
Meine Gegenwart kannst Du nicht gleich in Deiner Gegenwart sehen, sondern erst in Deiner Vergangenheit.
Du würdest vergehen in Angst oder dich verlieren in Hochmut,
wenn Du mich im selben Moment
meines Handelns an Dir sehen könntest.
Erst danach siehst Du, was und wer dahinter war.

So sagte auch Jesus zu Petrus:
Was ich tue, weißt Du jetzt nicht,
Du wirst es aber hernach erfahren.
In Deiner Vergangenheit kannst Du meine Gegenwart sehen,
sagt Gott dem Mose und uns.
Aber lies immer nur in Deiner Vergangenheit,
Du hast kein Recht die Vergangenheit anderer zu deuten,
Du könntest Dich in Überheblichkeit und Rechthaberei verlieren.
Und so, liebe Gemeinde, in diesem Zwiespalt des Nachsehens,
wird gar Gegensätzliches transparent für Gott:
Nicht nur Freud, sondern auch Leid,
nicht nur Bewahrung, sondern auch Gefährdung,
nicht nur Wohlstand, sondern auch Mangel.
So leben wir auch in der nicht lesbaren Gegenwart getrost,
denn im Nachsinnen über das Vorbeigegangene,
-oder soll ich sagen: über den Vorbeigegangenen‑
wird Seine Schönheit und Herrlichkeit offenbar:
Jeder Moment unseres Lebens war erfüllt mit seiner Gegenwart.
So wandelt sich Gottes vermutetes Pokergesicht
in das Angesicht Jesu Christi!
Das sage ich Ihnen nachher beim Segen zu:
ER lasse' sein Angesicht leuchten über Dir!
Amen

 

2. So. n. Epiphanias 1983

Mk.2, 18-20

18 Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? 19 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. 20 Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.

Auf einer Hochzeit geht´s zuweilen hoch her.
Man freut sich, dass zwei Menschen zueinander gefunden haben,
 freut sich über deren Liebe, erinnert sich an die selbst erfahrene,
sehnt sich nach mehr Liebe
und neuem Schwung des Verliebtseins im eigenen Leben.
Zuweilen wird so richtig auf den Putz gehauen
– das gehört zu einer Hochzeit –
für das Paar ist es eine hohe Zeit
und die Gäste dürfen für einige Stunden daran teilhaben.
Da schlägt schon mal einer über die Stränge.
Onkel Heinrich hat so viel gebechert,
dass er zum elften Mal denselben Witz erzählt
 – und das Gelächter nimmt zu – von Mal zu Mal.
Selbst seine sonst so gestrenge Frau, die Tante Hermine,
lacht mit und meint, Feste müsse man eben feiern, wie sie fallen. Cousin Frank, der politisch grüne Vegetarier
säbelt vergnüglich schmatzend an seinem Steak
– die Kinder dürfen lärmen, wie sie wollen –
keiner weist sie zurecht.
Es ist eben hohe Zeit!


Doch mitten unter den Gästen sitzt der Bruder der Braut, Cornelius,
er nippt ab und an an seinem Glas Mineralwasser,
ist entsetzt über Onkel Heinrichs Witze,
die seiner Meinung nach
auch beim elften Erzählen nicht lustiger werden.
Er würde sich lieber über alte Tonscherben
einer bestimmten Kulturepoche unterhalten,
denn darüber schreibt er seine Doktorarbeit.
Aber keiner ist an alten Krügen interessiert,
dem Inhalt der Weinkrüge auf dem Tisch wird zugesprochen.
Aber Cornelius versperrt sich
gegenüber dem fröhlichen Geist der Gesellschaft,
hat Angst vor unkontrollierter,
nicht vorher bedachter und kalkulierter Fröhlichkeit,
denn das Leben ist hart,
seine Grundstimmung ist ernst und seine Ziele sind hoch.
Es überkommt ihn auch jedes Mal ein gutes Gefühl,
wenn er sich von andern abgrenzen kann – das beflügelt ihn –
bestätigt ihn, dass er zu Höherem berufen ist.


Da erscheinen unter der Tür zwei recht zerzauste Gestalten
– zwei Brüder der Landstraße – der Wirt hat sie hereingeschickt.
 „Da geht mal rein, ob die was für euch übrig haben!
Ihr könnt ihnen ja etwas vorsingen.
Onkel Heinrich will „Im schönsten Wiesengrunde“ von ihnen hören. Bald singt alles mit, für die beiden werden zwei Stühle geholt – schließlich braucht man nur einen,
denn Cornelius muss mal an die frische Luft.
Onkel Heinrich – ein recht sympathischer Zeitgenosse,
 kein Fest ohne Onkel Heinrich,
seine Fröhlichkeit ist echt und mitreißend –
der Wein hilft ein wenig nach.
Auch die beiden Landstreicher haben ihn gleich ins Herz geschlossen.

Cornelius schneidet da in unsern Augen
und im Urteil der beiden Durchreisenden schlechter ab.
Er grenzt sich ab – schließlich setzt er sich ab.
Alles ist  ihm zu albern – die Penner sogar widerlich!
Sympathischer ist wohl Onkel Heinrich
- aber wer ist – um einen ganz anderen Maßstab einzubringen –
wer ist unserer Meinung nach religiöser?
Doch ohne Zweifel Cornelius, der sich abgrenzende,
 an Höherem interessierte,
sich von Lust und Lärm abgrenzende Cornelius,
 er ist doch mit Sicherheit religiöser! Oder?

Der heutige Predigttext sagt uns,
dass nach dem Urteil Jesu
das Festgebaren des Cornelius zwar religiöser sein könne,
dass aber in der Feststimmung des Onkel Heinrich
eher das typisch christliche zum Vorschein käme: (Tageslichtprojektor einschalten!)
18 Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? 19 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. 20 Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.

Wer jetzt mitgehört oder an der Projektionstafel mitgelesen hat,
wird sofort fragen: Wenn Jesus sich mit dem Bräutigam vergleicht – wie ist das dann heute?
Ist er noch oder wieder bei uns –
dann wäre das Fest die gemäße christliche Lebenseinstellung
Oder ist Jesus uns genommen- durch seinen Tod am Karfreitag –
 dann wäre christliches Selbstverständnis
dem Fasten ähnlicher als dem Festen.
Geduld – die Antwort wird nicht aufgehoben,
sondern nur aufgeschoben.


Die religiösen Zeitgenossen Jesu sind geschockt über Jesu Verhalten. Sie fasten – er feiert.
Sie sondern sich von zwielichtigen Gestalten ab,
um sich nicht zu verunreinigen –
er setzt sich mit ihnen an einen Tisch und isst und trinkt mit ihnen. Seine Jünger tun dasselbe.
 Aber die Religiösen sind überzeugt,
dass Gottes Gericht bald hereinbricht,
deshalb wollen sie sich nicht beschmutzen
durch Umgang mit sündigen Menschen.
Jesus aber verkündet, dass Gottes Reich schon angebrochen sei, deshalb sucht er die am Leben zerbrochenen,
die an der eigenen Schwäche verzweifelnden,
die nach Barmherzigkeit dürstenden.
Die Religiösen wollen nach oben, dahin wo sie Gott wähnen,
wollen daher leicht
und von weltlichem unbeschwert und unbelastet sein –
 deshalb fasten sie.
Jesu Jünger aber freuen sich,
dass der lebendige Gott zu ihnen heruntergekommen ist –
und sie wissen: Geteilte Freude ist doppelte Freude, deshalb feiern sie: Aber mit wem feiern sie?
Mit Landstreichern, so wie Onkel Heinrich, mit Ausländern, mit Leuten, die unter dem Existenzminimum leben müssen
daher in den Augen der Religiösen zu Betrügern werden.
Sie feiern mit Frauen, die so ausgehungert sind nach Liebe, 
dass sie ihre Liebe verkaufen, in der trügerischen Hoffnung,
bei diesem Handel falle auch etwas Liebe und Geborgenheit für sie ab.

Ihr Feiern ist inklusiv- alle andern einladend und einschließen wollend. Das Fasten der Religiösen ist exklusiv –
die andern ausschließend, sich von ihnen absondernd –
eigentlich abstoßend.
Ihr Fasten ist motiviert von der Frage:
Wie komme ich am besten durch das kommende Gericht Gottes –
die Betonung auf ich und Gericht!
 Jesus und seine Jünger fragen:
Wie werden wir einladende Zeichen für das Neue,
das der Gott der Liebe in uns und um uns begonnen hat –
Betonung auf wir und Liebe.

Liebe Gemeinde, damals wie heute erleben Menschen
die Religion als etwas Zwielichtiges;
helfend, aber auch belastend, einengend.
Im Religionsunterricht wird ein 12-jähriger gefragt,
was denn Religion sei.
Seine Antwort: Religion ist, was man nicht darf!
Religion ist: Du sollst nicht!
Religion ist der erhobene Zeigefinger. Religion ist nach oben wollen. Religion ist, sich absondern.
Religion ist, Konkurrenzdenken auch vor Gott
gegenüber meinem Nächsten.
Religion ist Zaun, Mauer, Kette.
Religion ist der missgünstige, angesäuerte Blick!
Religion ist menschliches Bemühen an Gottes Bemühen vorbei.

 Religion ist … letztendlich Verzweiflung!
Zur Hölle mit der Religion – das hat mancher schon geseufzt, geschrieen oder nur still gedacht.
Und Jesus selbst solidarisiert sich mit ihm und ruft:
Zur Hölle mit der Religion.
Zur Hölle mit dem „Du sollst nicht. – Du darfst!
Zur Hölle mit der Religion, mit dem erhobenen Zeigefinger –
ich strecke meine Hände aus.
Zur Hölle mit dem selbstsüchtigen sich Absondern,
dem Konkurrenzdenken, das letztlich nichts als Verlierer schafft.
Zur Hölle mit Zaun, Mauer und Kette.
„Wo der Geist des Herrn ist, das ist Freiheit.
Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.
Ich will euch erquicken.
Als aber die Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn,
geboren von einer Frau und unter das Gesetz gestellt,
damit er die, die unter dem Gesetz standen erlöste
und wir als Kinder angenommen würden.
Denn nicht den Geist von Knechten habt ihr empfangen,
dass ihr euch fürchten müsstet,
sondern den Geist von Kindern, durch den wir rufen:
Abba, lieber Vater.
Zur Hölle mit der Religion, das ist die revolutionäre Botschaft Jesu.
 Die Religion des sich abstrampelnden Menschen,
der sich absondert, um ja nicht infiziert zu werden
mit Not, Last und Lust anderer Menschen –
sie ist die Ursache so vieler müder,
kranker, verzweifelter und verwundeter Menschen.
Gerade die fastenden Jünger der Pharisäer und des Täufers –
sie haben mit ihrem exklusivem,
letztlich nur an sich denkenden Verhalten,
die Misere derer verursacht,
die dann als Strandgut einer religiösen Gemeinschaft bei Jesu landeten. Bei Jesus, den die andern Fresser und Weinsäufer nannten.
Bei Jesus, dem man ob seiner Gespräche mit leichten Mädchen
Böses nachsagte.
Bei Jesus, dem Ende der Religion,
bei Jesus, dem Ende von Zaun, Mauer, Kette und Sklaverei.
Alle Menschen festen lieber als dass sie fasten.
Alle Menschen hören lieber: Du darfst als Du darfst nicht.
Freiheit lechzen wir alle. Gemeinschaft tut so wohl.
Religion bietet das nicht.
 Es ist kein Werbetrick Jesu Christi,
kein faules Versprechen vor der Wahl,
wenn er in seiner Antrittspredigt verspricht:
18 »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, 19 zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.« Lk. 4, 18-19.

Das ist die Botschaft des Gottes der Liebe,
und Furcht ist nicht in der Liebe.
Christus, das Ende der Religion,
das Ende von Bemühen, das nur Verzweiflung kennt.
Christus, das Ende von Gerechtigkeit,
die den Kontrast zur Ungerechtigkeit der andern braucht
und sie damit fördert und zementiert.
Christus, der Anfang des Reiches Gottes.
Christus, der Bringer von hochzeitlicher Fröhlichkeit von Gemeinschaft.
Christus, der Wundertäter:
So wie er zu Kana Wasser in Wein verwandelte,
 so verwandelt er heute Verzicht in Freude, Fasten in Festen.
 Da geschieht das Wunder, dass einer fasten will,
auf etwas verzichtet zugunsten anderer – und es wird ein Fest daraus. Ein Schüler verzichtet zu Weihnachten auf sein Taschengeld –
gibt es zunächst schweren Herzens für Brot für die Welt –
und das Wunder geschieht – es wird aus dem Verzicht Freude:
Er weiß, dass nun eine Mutter ihrem Kind
einen Monat lang Reis geben kann –
dass frisches Wasser fließt in Dikume.
Jedes Mal, wenn er sich die Hände wäscht,
denkt er daran und freut sich.
Ein anderer verzichtet auf eigene Kinder
und gibt durch Adoption Kindern ein Heim –
und das Wunder Jesu geschieht:
Es ist kein Verzicht, sondern eitel Freude.
Und viele Jünger Jesu machen diese wahrhaft wunderbare Erfahrung: Aus Fasten wird Festen.
Aus Verzicht wird Reichtum, in der Einschränkung finden sie Freiheit. Wenn das kein Beweis ist, dass der Bräutigam noch unter uns ist.
Wie wir´s auch anstellen:
Fasten gelingt nicht mehr! Das ganze Leben wird zum Fest

Der Bräutigam ist unter uns – Jesus lebt!
Zur Hölle mit der Religion.
Aber wenn sie wieder nach mir greift,
mit ihren Forderungen und Versprechungen,
wenn ich wieder versklavt werden soll –
oder wenn ich mich selbst wieder in die falsche Sicherheit
des eigenen Mühens begebe –
dann rufe ich: Jesus lebt!
 Ich kenne dann nur eine Art von Fasten:
Kein selbst gesuchtes, sondern ein noch auferlegtes,
ein Fasten, das meine Sehnsucht und Hoffnung mehrt:
Ich sehne mich nach dem Mahl am Tisch meines Herrn,
 nach dem endgültigen Festmahl am Tisch Gottes,
wo kein Leid und kein Geschrei,
kein Tod und kein Hunger mehr sein wird.
Ich leide an dem „noch nicht“ dieser Wirklichkeit,
bin aber heute schon überglücklich,
über jedes zaghafte und zeichenhafte „schon jetzt“,
das unter uns im Geist der Freiheit und Liebe geschieht.
EKG 165,3

 

Letzter Sonntag nach Epiphanias 1990

2. Petrus 1, 16-20

16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.
19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. 20 Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist.

Meine Familie stöhnt manchmal
über eine meiner allmorgendlichen Angewohnheiten:
Noch vor dem Frühstück reiße ich für ein paar Minuten
alle Fenster und Türen des Pfarrhauses auf,
damit der abgestandene Mief vom Vorabend raus
und frische Morgenluft rein kann.
Und an klaren Morgen passiert es dann,
dass ich ein wenig in der Terrassentür verweile,
denn da steht der Morgenstern,
immer noch faszinierend hell,
obwohl sich am Horizont schon der neue Tag zeigt.
Manchmal bin ich von diesem Stern wie gebannt,
denn gleich am Anfang eines neuen Tags
ist es als ob der Morgenstern zu mir reden wollte:
Verlier dich nicht in den Problemen deines Lebens
verkrümm dich nicht, dreh dich nicht um dich selbst
Schau auf, es gibt Lichtblicke, Durchblicke
und sei es auch nur für Augenblicke.
Und Jochen Kleppers Vers zum Advent kommt mir in den Sinn:
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch Deine Angst und Pein

Weil ich das ab zu morgens so befreiend erlebe,
hat mich der Schluß des heutigen Predigttexts
direkt und wohltuend angesprochen:
"…bis der Tag anbreche
und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen"
so endet der Verfasser den Abschnitt seines Briefes,
um den es heute in der Predigt geht.

Aber als ich näher hinschaute, merkte ich,
wie es hier bei dem Bild vom Aufleuchten des Morgensterns
nicht nur um einen Lichtblick im Dunkel
von alltäglichen Ungereimtheiten des Lebens geht.
Nein, im ganzen Umfeld unseres Predigttextes
tobt eine knallharte Auseinandersetzung
zwischen Wahrheit und Irrlehre
zwischen Leitstern und Irrlichtern
zwischen wahren Worten und irreführenden Fabeln
Kurz geht es um die Frage:
Wer oder was ist die Autorität für unseren Glauben.
Oder:
Darf ein Pfarrer predigen, was er will?
Oder:
Schüler in RU: Da steht immer:
Und Gott sprach zu Abraham.
Und heute?
Oder
Was kommt von Gott, was von Menschen?
Was ist Gottes Wort und was menschliche Ansichten?
Was ist verbindlich, was ist beliebig?
Letztlich:
WAs ist Wahrheit, aber echt gefragt,
nicht als Ausflucht wie bei Pilatus.

Solche Fragen werden heute selten gestellt. Warum?
Angst davor, dass bei solchen Diskussionen
nicht der Morgenstern in unsern Herzen aufgeht,
sondern Alpträume von Kreuzzügen,
Inquisition, Ketzerprozessen und Scheiterhaufen
in uns lebendig werden?

Oder kein Streit um die Wahrheit,
-  wegen harmonisierendem  Friedensbegriff?
-  wegen Müdigkeit und Bequemlichkeit?
-  weil alles eh subjektiv ist?

Tatsache ist, dass heute ein Pfarrer nahezu alles
sagen kann, ohne kritisch angesprochen zu werden.
überzogen: Jesus mit 98 im Bett gestorben - kein Problem
Aber:Politische Aussage - hochproblematisch
Oder: die lieben alten Formen.
Sonst: Laß den doch labern -

Gilt in der Kirche wirklich alles.
Dann gilt nichts!
Maßstäbe, Kriterien,
Grenzen zur Befriedung
Streit um die WAhrheit - in Fairness , gegen Langeweile
Wie findet man, was gilt?

1.Petr. zeigt 3 Möglichkeiten:
1. das proph. Wort=das AT=die Bibel
2. Apostel als Augenzeugen
3. Christus selbst

ad 1:Bibel=Gottes Wort
=Richtschnur=Kanon
sola scriptura= allein?
Luther: was Christum treibet allein?
Mit Bibel als Buchstaben Skalverei legitimieren
Und: Sie wird immer gedeutet, keiner nimmt die Schrift,
wie sie ist.

ad 2: Petrus ist Augenzeuge -gehört - Apostel
apostolisches Prinzip- allein?
vgl. r,k.Kirche
Aber: Die Augenzeugen sind tot und nahtlose Folge nicht nachweisbar
Und: Auch die Gnostiker (New Age) haben sich Petrus "geschnappt"
In der Bibliothek dieser "Irrlehrer"in Nag Hammadi
fand man einen Brief des Petrus an Philippus
Papier ist geduldig
WEder Gnostiker noch wir können sicher sein,
dass der Apostel Petrus Autor war.
Im Gegenteil: Alles weist auf eine damals übliche
und überhaupt nicht verwerfliche Nutzung des Namens Petri.
1.Petr. weniger gewichtig, falls Autor nicht bekannt?
vgl. Hebräerbrief

ad 3: Christus, Sohn Gottes
in X das Wesen und den Willen Gottes lesen lernen.
Christus ist Herr.
Vgl- Lesung vorhin
den hören - sahen niemand als Jesus allein
fasziniert, begeistert von ihm
ER im Zentrum = jeder sieht ihn aus eine andern blickwinkel
Aber: jeder sieht noch seine Mitmenschen, durch Christus hindurch - wendet sich nicht verkjetzernd ab
=bereichernd, belebend, farbig, interessant
X=DIE Wahrheit wird euch freimachen
Vgl. Liebe - und dann tu, was du willst
Hier: Lass dich von X begeistern,
und dann glaube, was du willst.
(Pfingstler in Sri Lanka)

Lass dich begeistern von Christus
und dann glaube, was Du willst.
Ist Ihnen das zu unsicher, zu schwammig, zu subjektiv?
Was suchen Sie?
Mehr Sicherheit:
Was kann für Glauben und Liebe Sicherheit bedeuten?
Vgl. Kann man Liebe und Glaube sichern.
Muss man beide im Gegenteil nicht immer riskieren?

Welches Interesse an der Wahrheit?
Als Zement für die eigene Position?
ALs Waffe gegen Andersdenkende?
Als theoretischer Überbau gegen alle Ungereimtheiten?

Wahrheit - möchte durch sie frei werden von Borniertheiten
von Kälte und Lieblosigkeit
von dem ermüdenden Drehen um mich selbst
Nichts Besseres als von Christus fasziniert sein.
Nicht nur Vorbild, auch Evangelium
Von diesem Christus her werden glaubende Menschen(Apostel)
und die Schrift wieder interessant
Gespräche über den Glauben lebendig, ja hitzig
aber ohne das drohende Flackern von Scheiterhaufen
sondern mit dem hoffnungsvollen Leuchten des Morgensterns
Ich wünsche uns allen, dass der aufgeht in unsern Herzen

 

Letzter Sonntag n. Epiphanias 1988

       Offb. 1, 9-18

9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. 10 Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11 die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
12 Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13 und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14 Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15 und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; 16 und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

                                                                                  

In diesen Tagen haben immer mehr Menschen eine Art Schlüsselerlebnis.
Sie merken:
Menschen in politischer Schlüsselstellung haben den Schlüssel zu der Bewältigung von Problemen nicht mehr in der Hand – oder nie gehabt. Da geistern Lastwagen mit atomarem Müll
von Deutschland nach Belgien und von dort zu uns.
Material, das noch Jahrhunderte gefährlich strahlen wird,
kommt über die BRD aus Frankreich zur Zwischenlagerung nach Schweden – aber nur für 10 Jahre!
Dann kriegen wir es wieder – oder die Franzosen oder sonst wer. Keiner weiß, wie und wo man den Atom-Müll loswerden kann,
und dennoch setzt man seit Jahrzehnten auf diese Energiequelle. Würden Sie in einem Flugzeug bleiben,
in dem Ihnen kurz vor dem Abflug der Flugkapitän versichert,
es stehe Ihnen ein glatter Start und ein problemloser Flug bevor, NUR: es sei noch überhaupt nicht geklärt,
wie und ob überhaupt Sie heil runterkommen.
Das Flugzeug wäre binnen Minuten wieder leer. Lauter Aussteiger! Weil ganz offensichtlich der Kapitän die Dinge nicht im Griff,
den Schlüssel zu den allergrundsätzlichsten Problemen
nicht in der Hand hat, wie auch unsere Energiepolitiker.
Problemlösung nach ihrer Machart ist vergleichbar mit der eines Alkoholikers, der in eine Schnapsfabrik einheiratet, und meint, nun seien seine Probleme gelöst.
Hat er damit WIRKLICH den Schlüssel zu einer echten Problemlösung gefunden?
 Der Alkoholiker, der Flugkapitän, die Politiker, sie alle behaupten,
den Schlüssel gefunden zu haben.
Aber es ist der Schlüssel des Todes und der Hölle,
um mit einem der vielen Bilder unseres heutigen Predigttextes zu sprechen.
Auch im ersten Jahrhundert nach Christus,
aus dem das Offenbarungsbuch stammt, gab es Politiker,
die behaupteten, die Schlüssel in der Hand zu haben:
die römischen Cäsaren. Sie ließen sich als Götter verehren, beanspruchten DIE Schlüsselrolle im Leben ihrer Untertanen.
 Und obgleich jeder, der es sehen wollte, es auch sehen konnte,
wie hochstaplerisch der Anspruch der Cäsaren war,
es ihnen dennoch, die Massen in blinder Anbetung zu halten.
Ihr Rezept: Brot und Spiele. Gebt ihnen Brot und Spiele, sprich: Konsum und Nervenkitzel, sprich auch:
volle Kühlschränke und ein volles Fernsehprogramm,
dann wird uns die Verehrung erhalten,
dann werden sie blind für unsere verlogenen Machtansprüche,
dann werden sie konsumbeduselt dahindämmern
wie überfressene Mastgänse, aber eben MASTgänse,
dem Tod geweiht und auch MastGÄNSE,
dumm wie das Stroh auf dem sie dösen.
 Und die Rechnung der Cäsaren ging auf, damals wie heute.

Aber nur beinahe,
denn wenigstens damals gab es eine kleine Gruppe von Spinnern,
sie nannten sich Christen, die die Schlüsselrolle der Cäsaren radikal anzweifelten, allerdings, und dem gilt es nach-zudenken,
 OHNE zu VERzweifeln. Ihr Zweifel an den politischen Schlüsselfiguren ihrer Tage kam direkt und konsequent aus ihrem Glauben an Christus, der allein die Schlüssel in seinen Händen hat. Nur DER Zweifel, der aus dem Glauben kommt, endet nicht in der Verzweiflung.
Nur Glauben, der in radikalen Zweifel an die selbsternannten Götter führt, ist lebensschaffender Glaube.
Ach, liebe Gemeinde,
das merken wir doch wahrscheinlich so langsam alle:
 Es ist noch kein befreiendes Schlüsselerlebnis,
wenn man mit offenen Augen erkennt, dass die für uns Verantwortlichen ratlos und ohne Schlüssel sind,
dass ihre Ansprüche verlogen und maßlos überzogen sind.
Dieser Zweifel allein – führt allein in die Verzweiflung.
Deshalb, aus Angst vor dieser Verzweiflung, machen ja auch so viele die Augen zu und ärgern sich wahnsinnig über alle,
die ihnen die Augen öffnen möchten.
Aber was ist das auch für eine Alternative:
Entweder Mastgans-Dasein oder Verzweiflung,
entweder mit geschlossenen Augen duseln, oder mit offenen Augen zerfusseln.
Johannes, der Autor des Predigttextes aus der Offb. hat einen Lichtblick, eine wahre Sternstunde.
Sein Schlüsselerlebnis heißt:
Nicht duseln, noch sich zerfusseln.  Sondern puzzeln.
 Johannes zeigt uns ein gewaltiges Bild, das sich aus vielen kleinen Einzelteilten zusammensetzt.
Als Einzelteile geben sie nichts als Rätsel auf,
und können einen in die Verzweiflung treiben.
Wer gern Puzzles zusammenfügt, kennt das.
Zusammengefügt aber ergeben sie eine Vision,
die dem Verzweifeln wehrt, allerdings aber auch radikalen Zweifel weckt gegenüber denen, die ein Einzelteil als Gesamtbild verkaufen wollen.
Da sind die Puzzleteilchen, die aus der eigenen leidvollen Erfahrung des Johannes stammen.
Er hat sein „Nein“ gegen die Cäsaren gewagt,
die sich mit ihren überzogenen Ansprüchen an Gottes Stelle setzen wollten.
Zusammen mit seinen Brüdern und Schwestern hatte er ganz praktisch durchbuchstabiert, was es heißt, das Erste Gebot IN BEIDEN TEILEN ernst zu nehmen.
So spricht der Herr: Ich bin der Herr, dein Gott –
bis dahin folgen viele noch heute.
Aber wer folgt Johannes und seine Mitchristen auch in den zweiten Teil, in die Konsequenzen, hinein?
„Du sollst keine anderen Götter neben mir haben… bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“
So viele unter uns bekennen ihren Glauben so: Der Herrgott wird´s schon richten – und fahren fort: Und auch die Herren dieser Welt werden schon wissen, was sie tun.
So aber wird dem Herrgott und den Herren dieser Welt gleiches Vertrauen, gleicher Glaube entgegengebracht.
So aber dient man dem Herrgott UND den Herren,
so aber betet man BEIDE an,
so aber glaubt man ohne Konsequenzen.
Johannes aber zieht die Konsequenzen, und macht Erfahrungen,
die wie Puzzleteilchen, in sich und allein noch kein sinnvolles Bild ergeben. Man verbannt ihn auf die einsame Insel Patmos.
So sucht ihn Cäsar zu isolieren, unschädlich zu machen.
Dort aber, auf Patmos, in der Abgeschiedenheit,
 im Alleinsein, in der Stille, wo Gott bekanntlich seinen Anker anlegt, da fügen sich andere Puzzleteile hinzu.
Es sind Teilbilder aus dem Alten Testament, Bilder aus seiner Bibel, besonders aus dem Buch Daniel. Bilder des Glaubens.
Die sind der Stoff, aus dem seine Träume sind.
Liebe Gemeinde, könnten wir doch mit Johannes unsere Augen nicht nur aufmachen und unsere Welt sehen, wie sie ist bzw. scheint, sondern noch viel weiter aufmachen, um den EINEN zu sehen,
der wirklich den Schlüssel in der Hand hält.
Wer seine Augen nur so weit öffnet, dass er die Dimension eines Bildschirms oder einer Illustriertenseite erfasst,
der kriegt eigentlich nur Bildteilchen für Albträume geliefert.
Johannes aber lässt sich seine Augen noch viel, viel weiter öffnen –
und träumt, aber total wach.
 In sein Blickfeld kommt der EINE, das A und das O, der Erste und der Letzte.
Eine Gestalt von überwältigender Größe,  von umwerfender Lichtstärke.
 ES ist der Totgesagte – und siehe, er lebt.
Es ist der Gekreuzigte – aber das Grab konnte ihn nicht halten.
Es ist der, den man verstummen lassen wollte,
und nun spricht er die eine Wahrheit so, dass sie wie ein scharfes Schwert das Knäuel von Lüge und Halbwahrheiten durchtrennt.
Das eigentliche Schlüsselerlebnis des Johannes besteht also nicht allein darin,
dass er den gotteslästerlichen Stolz der Machthaber seiner Zeit durchschaut, in dem ja – wie heute – ihre gefährlichste Unfähigkeit begründet liegt.
Nein, sein wirkliches Schlüsselerlebnis hat er,
als die Bildteilchen seiner Erfahrung sich zusammenfügen
mit Bildern des Glaubens an den einen,
der den Machthabern tatsächlich den Schlüssel des Todes und der Hölle entrissen hat.
 Dieser Glaube führt Johannes und uns in radikale Zweifel – ohne zu verzweifeln.
 Der Zweifel gilt den HERREN, bete sie nicht an und diene ihnen nicht. Der Glaube gehört dem HERRN, der spricht:

Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus ihrer Knechtschaft erlöst habe. Amen.

 

Dr. Helmut Karl Ulshöfer    Utopien    Grünkern-Country